Auf der Corviglia wartet das Riesenmurmeli.

Künstlerin im Engadin

Das fast 100 Quadratmeter grosse Wandbild mit dem Riesenmurmeli bei der Corviglia-Bergstation (© Nicola Pitaro)
Virginia Joyce Fleming hat eine neue Kunstform nach St. Moritz gebracht – mal zart und filigran, mal deftig und monströs.

Manche erkennen das Drama sofort, andere gar nicht und viele erst, wenn sie tief ins Glas geschaut haben, bevor sie den Blick nach oben richten. Da ist ein Pechvogel von der Piste geflogen und kopfüber in einer riesigen Tasse voller Glühwein gelandet. Nur die zappelnden Beine sind zu erkennen. Derweil hüpfen Kängurus durch den herbstbunten Wald, und im verschneiten Gebirge kraxeln Steinböcke. Unten gleitet ein Segelboot über den See, oben schwebt die Luftseilbahn zum Gipfel – und irgendwo unten links steht die Signatur: Virginia Fleming.

Farbenfrohes Bild bei der Outdoor-Bar auf der Corviglia (© Nicola Pitaro)

Mit der künstlerischen Gestaltung des künstlichen Himmels über der RooBar, einem Après-Ski-Treff im Herzen von St. Moritz, hat Virginia Joyce Fleming in ihrer Engadiner Wahlheimat ein Zeichen gesetzt, das auch als Signal verstanden sein will.

Denn Flemings St. Moritz ist kein lauter High-Society-Tummelplatz, weder Cresta-Run noch Polo-Spektakel. Es gibt keine Pelzmäntel und auch keine Automobile. Dafür fantasievoll bemalte Windjacken und Snowboards, schräge Vögel und lachende Menschen, dazu Sonne, Schnee und Eiskristalle. St. Moritz ist Engadin, und Engadin ist Natur: «In der Natur», sagt Virginia, «finde ich die vollkommene Stille!»

Sie stapft weg von der Hektik

Wenn überm Maloja die Schneewolken aufziehen, schnürt sie ihre Stiefel, packt die Thermosflasche mit Kräutertee in den Rucksack und stapft los – weg von der Hektik zwischen den Häusern, hin zur Besinnlichkeit zwischen den Bäumen. Sie bleibt stehen, hält den Atem an, lauscht auf das Geräusch, «das die Schneeflocke macht, wenn sie den Boden berührt».

Schneeflocken, gross wie Bratpfannen, und ein weisses Murmeltier, gross wie ein Elefantenbaby, prägen ihr jüngstes und grösstes Werk. Auf nahezu hundert Quadratmetern ist das Mural White Marmot, benannt nach dem Restaurant auf der Corviglia-Bergstation, der Blickfang auf der Sonnenterrasse.

Zwei Monate hat Virginia daran gearbeitet, seit zwei Monaten ist es vollendet. Aber noch kaum jemand hat das Riesenmurmeli bestaunen können, denn dieser Skiwinter findet ohne Gastronomie statt.

Und so hat sich auch noch niemand darüber gewundert, dass die Schneeflocken eine frappante Ähnlichkeit mit der sattsam bekannten Virusstruktur aufweisen. Und in der nach unten gerutschten Sonnenbrille könnte man ohne viel Fantasie auch eine nach oben verschobene Schutzmaske erkennen. «In der Tat», sagt die Künstlerin. «Jetzt sehe ich es auch!» Und beteuert, jeglicher Bezug zu Corona sei «reiner Zufall».

Vor dreissig Jahren wird Virginia Joyce Fleming in Tokio geboren. Die Tochter eines Londoner Geschäftsmanns und einer Innendekorateurin aus Romanshorn TG wächst als stilles Kind auf, das wenig spricht und viel malt.

Virginia Fleming (© Nicola Pitaro)

«Daran», schmunzelt sie, «hat sich bis heute nicht viel geändert: Ich lasse lieber meine Bilder sprechen, mit denen ich die Fröhlichkeit unter die Menschen bringen will – genauso, wie ich mich als kleines Mädchen über Farben und Formen ausgedrückt habe.» Wenn sie den blauen oder den grünen Farbstift wählte, wusste die Mama: Virginia ist gut drauf. Türkis, die Verbindung von Blau und Grün, ist bis heute der Favorit unter den Farben – unübersehbar: Ihre Bilder bringen es zum Ausdruck.

Der Beruf des Vaters führt die Familie rund um den Globus: Auf Tokio folgen die Kindergartenjahre in Bern und Stäfa ZH, zwischen Lafayette im US-Staat Indiana und Singapur besucht sie die Schule in Zumikon ZH. Im Künstlermekka Ubud auf Bali lässt sie sich von archaischer Malerei inspirieren, in der Vaterstadt London schliesst sie ihr Studium als Surface Designer ab. Es ist ein unstetes Leben zwischen Fernem Osten und Wildem Westen, ländlicher Abgeschiedenheit und urbaner Hektik.

Als Praktikantin ins Engadin

Vor fünf Jahren kommt das Angebot aus St. Moritz: Virginia zögert keine Sekunde und nimmt die Stelle als Praktikantin in einer Werbeagentur an. «Tagsüber habe ich meinen Job gemacht – und nachts meine kleine Wohnung zum Atelier umfunktioniert», erinnert sie sich. «Ich wollte möglichst rasch nur noch von meiner Kunst leben. Ich weiss gar nicht, wann ich Zeit fand zum Schlafen.»

Könnte es sein, dass Kunst auch Therapie ist? Darüber, sagt sie, habe sie noch nie öffentlich gesprochen. «Denn eigentlich habe ich vor nichts Angst – schon gar nicht vor Schlangen, seit meine Mutter in Tokio den Kinderwagen durch einen Park voller kleiner grüner Schlangen geschoben hat. Und auch nicht vor Insekten und Käfern – im Gegenteil. Ich bewundere deren Schönheit und male sie in allen Formen und Grössen. Wie diese hier.»

Sie entrollt ein Plakat mit einer riesigen, detailgetreu mit Fineliner gezeichneten Motte. Die durchsichtigen Flügel und der massige Leib sind übersät mit Punkten und winzigen Verzierungen. «Das ist es», sagt sie und zeigt auf die Punkte. «Davor habe ich Angst, und darum male ich es immer wieder.»

Betroffene sollen wissen, dass sie nicht allein sind mit ihrer Angst.

Virginia Joyce Fleming Künstlerin

Der Name dieser Angst ist auch eine Diagnose: Trypophobie. «Das wurde mir klar, als ich in der Tate Gallery in London auf eine Skulptur stiess: Ameisen, die an der Wand hochkrabbelten. Ich nahm die Tiere als Punkte wahr – und geriet in Panik.»

Seither meidet sie chaotische Häufungen von Punkten oder Löchern und stellt sich mit Pinsel oder Stift bewaffnet ihrer Angst. Ist das nicht ein sehr privates Thema? «Schreiben Sie es nur, ich bin ja nicht die Einzige – alle, die darunter leiden, sollen wissen, dass sie nicht allein sind mit ihrer Angst.»

Kurz vor Einbruch der Dämmerung an der RooBar. Nina Hauser öffnet für uns die Freilufttheke. «Jetzt ist es schon bald vier Jahre her», sagt die Besitzerin, deren Mutter aus Melbourne stammt. «Wir hatten Virginia gebeten, australische und Engadiner Szenen auf die vier Jahreszeiten zu verteilen.» – «Stimmt», lacht Virginia. «Dabei ist Australien der einzige Kontinent, den ich noch nie gesehen habe.» – «Und noch heute», so Ninas Kompliment, «entdecke ich immer wieder neue Details auf deinem Bild.»

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