Mal abschalten mit Ernst.

Benjamin Gischard findet Ruhe in der Schlucht

Digital Detox Wochenende in der Viamala
Ding, ding, ding. Kaum nach dem morgendlichen Weckerklingeln aus dem Flugmodus geholt, macht es sich schon wieder bemerkbar, das Handy. Nachrichten, Pushmeldungen, Social-Media-Kommentare. Und gleich beginnt das tägliche Rotieren im Kopf. Wer da mal eine Auszeit braucht, kommt am besten nach Graubünden, zu Bergler Ernst. Wie Kunstturner Benjamin Gischard.

Von Jano Felice Pajarola

Ja, er ist zufrieden. «Sehr zufrieden sogar, gopferteli. So gut ist es glaubs noch nie gelaufen.» Es ist Ende April, und Benjamin Gischard, 25, ist eben erst zurück von den Kunstturn-Europameisterschaften in Basel, eine Silbermedaille hat er dort für die Schweiz geholt, ein grossartiger Erfolg für den Oberaargauer. Als Fünfjähriger hat er mit dem Sport angefangen, «20 Jahre habe ich also gearbeitet für dieses runde Stück Metall, eigentlich ist das schon verrückt», meint er lachend. Aber nicht nur er selbst ist stolz auf seine Leistung in Basel, ganz viele andere sind es auch. Und logisch, ihre Begeisterung teilen sie ihm mit – nicht zuletzt auf digitalen Kanälen. «Mein Handy ist nach dem Wettkampf förmlich explodiert. Hunderte von Nachrichten, überall Nachrichten und Föteli, das war schon krass.» Vier Tage danach sitzt Benjamin nun entspannt an einem Tischchen auf der Besucherterrasse der Viamalaschlucht bei Thusis und lässt sich von der Frühlingssonne wärmen. Neben ihm, wie immer mit Rauschebart, Wanderkluft und viel Humor: Bergler Ernst, diesmal unterwegs in Digital-Detox-Mission. Denn wie heisst das beste Gegenmittel, wenn das Mobilgerät wieder mal ins schier endlose Ding-ding-ding der ständigen Benachrichtigungen verfällt? Klar: Graubünden.

Digital Detox Wochenende in der Viamala, Benjamin Gischard
Mein Handy ist nach dem Wettkampf förmlich explodiert.

Benjamin Gischard Kunstturner

Sich digital «entgiften» im Bergdorf, in alpinen Höhen oder abgründigen Schluchten, aktiv wandernd oder passiv geniessend: Dazu holt Ernst gestresste Unterländerinnen und Unterländer in die Höhe, zum Beispiel ins Erfahrungsreich Viamala. Sich erholen im Mineralbad Andeer, übernachten in geschichtsträchtigen Hotels, hinabsteigen in die Kühle der Viamala- und der Rofflaschlucht oder hinauf in die Frische von Feldis, die Landschaft durchstreifen auf der legendären Via Spluga von Thusis bis zum Splügenpass – sein persönliches Digital-Detox-Programm kann sich der Gast auswählen oder bei Bedarf individuell zusammenstellen. Benjamin und Ernst sind an diesem Vormittag gemeinsam auf alten Säumerpfaden von Thusis ins Herz der Viamala gewandert, dorthin, wo 359 Treppenstufen zu Jahrtausende alten Strudeltöpfen und in den Fels gearbeitete Tunnelgänge zu spektakulären Schluchteinblicken führen. Das Einzige, was man hört, sind die Ausführungen von Schluchtguide Ruedi Küntzel und das beruhigende Rauschen des Hinterrheins. Kein Ding-ding-ding.

Digital Detox Wochenende in der Viamala, Viamalaschlucht
Digital Detox Wochenende in der Viamala
Ich schnörre viel lieber mit dir. Zum Beispiel über die Jagd.

Benjamin Gischard Kunstturner

Digital Detox Wochenende in der Viamala

Hand aufs Herz, verzichtet der Kunstturner wirklich 48 Stunden lang auf sein Handy? «Naja, ich habe es dabei», sagt Benjamin und zeigt auf seinen Hosensack. «Aber ich gebe mir schon Mühe, es nicht zu brauchen. Ich habe es auf lautlos gestellt. So bin ich einfach erreichbar, falls etwas Wichtiges passieren würde. Gell, Ernst, seit wir losgelaufen sind, habe ich das Natel noch nie rausgenommen? Ich schnörre viel lieber mit dir. Zum Beispiel über die Jagd.» Ernst schmunzelt, nickt. «Ja, wir sind uns noch nicht in die Haare geraten. I han no alli.» Wie digital ist er eigentlich, der Benjamin? «Ich bin nicht der extreme Social-Media-Typ», meint er. Auf Instagram ist er aktiv, auf Facebook auch, «aber dort eher weniger», und sowieso, Föteli machen, Föteli posten «und dann noch etwas Schlaues dazu schreiben, das ist nicht so meins. Aber Posts von der EM habe ich gerne platziert, ich bin ja stolz auf die Medaille. Und es tut gut, wenn du den Erfolg nach aussen zeigen kannst.» Aber ja, auch er kennt den Druck, der dabei entstehen kann: das Gefühl, zeitnah auf Kommentare der Follower reagieren zu müssen, oder auch auf E-Mails, SMS, Whatsapp-Nachrichten.

Digital Detox Wochenende in der Viamala
Wenn ich ein Buch lese, ist das digitale Zeug einfach weg.

Benjamin Gischard Kunstturner

Digitale Verpflichtungen. Ganz abgesehen von den alltäglichen Dingen, die heute sowieso zunehmend über das Handy laufen, sich wecken lassen, Zeitung lesen, Filme schauen, Rechnungen zahlen. «Das sind ja bereits Automatismen. Du bist eigentlich ständig am Gerät», das ist Benjamin klar. «Es ist schon mal schön ohne. Das merke ich auch daheim, wenn ich zum Beispiel ein Buch lese. Dann hast du das digitale Zeug einfach weg und bist in deiner eigenen Welt.» Dass Abschalten wichtig ist, weiss Benjamin auch vom Training und von Wettkämpfen her. «Beim Sport ist das unbedingt nötig, denn da ist es schon streng, körperlich und mental.» Unter der Woche geht’s täglich vom Wohnort Biel nach Magglingen, dort wird trainiert, vor Einsätzen wie in Basel oder kommenden Sommer an der Olympiade in Tokio natürlich besonders intensiv. Und zwischen den täglichen Trainingseinheiten büffelt Benjamin für sein Rechtsstudium. «Da musst du schon mal ein Wochenende einplanen, an dem du Pause machst.» An einem See, an der Aare, in der Badi. Oder eben in Graubünden, mit Bergler Ernst.

Digital Detox Wochenende in der Viamala
Flott fürs Telefonieren, aber dann ist schnell fertig.

Bergler Ernst

Tag zwei des Digital Detox, Benjamin und Ernst haben nach einem kurzweiligen Abendessen und einer erholsamen Nacht in Splügen die nächste wilde Schlucht auf ihrer Tour besichtigt, sind auf exponierten Pfaden und durch handgebohrte Felsgänge bis zum tosenden Wasserfall des Hinterrheins in der Roffla gewandert, vorbei an Fichten, deren mächtigen Wurzeln über Felsblöcke wuchern, vorbei an tiefgrünen Moosflächen und gächen Abgründen. «Ein Kraftort», ist Benjamin überzeugt. Ernst, ganz der pensionierte Förster und Forstunternehmer, hat mit dem Kunstturner über Totholz und Artenvielfalt gefachsimpelt, sie haben Zunderschwämme vom Baum gebrochen und beschnuppert, Vögel beobachtet. Die digitale Welt ist definitiv ganz weit weg. Wer muss schon posten, wie gut es ihm gerade geht, wenn er sich stattdessen «auf das Leben konzentrieren kann», wie Benjamin sagt? Ernst ist das sowieso lieber. «Also, ich kann problemlos ein paar Tage ohne Handy sein», meint er. Die beiden sitzen auf einem Bänkli am Schluchtweg, ganz eins mit der Natur, Ernst schmaucht sein Pfeifchen. «Ich finde das Natel flott fürs Telefonieren, aber dann ist bei mir ziemlich schnell fertig.»

Digital Detox Wochenende in der Viamala, Ernst
Im Wald Holz spalten: Das ist meine Erholung.»

Bergler Ernst

Für die Kommunikation nutzt der 72-Jährige schon seit 1985 ein Mobilgerät. «Damals war das so ein Kasten mit Hörer dran, den hatte ich im Auto. Für mich als Unternehmer war das ein Riesenfortschritt.» Endlich musste man nicht mehr alle Bürotelefonate am Abend erledigen, wenn man aus der Arbeit im Wald zurück am heimischen Festnetzgerät war. Tempi passati, heute kann noch das kleinste Handy viel mehr als ein Computer vor 35 Jahren. Aber Ernst mag diese explodierte Funktionsvielfalt gar nicht nutzen. «Viel weniger Informationen: Das ist es, was einem gut tut, das bedeutet Ruhe. Sonst regt man sich doch nur unnötig auf.» Wo geht er selbst denn hin, wenn er abschalten will? In seine Berghütte im Prättigauer Ort St. Antönien – oder in den Wald, Holz spalten. «Da habe ich etwas zu tun und sehe auch gleich, was ich geleistet habe. Das ist meine Erholung. Und wenn du die Scheite schön stapelst, sind die Leute auch noch entzückt von deiner Holzbeige», erzählt Ernst lachend, Benjamin lacht mit. Er wirkt sichtlich entspannt und fröhlich.

Digital Detox Wochenende in der Viamala
Digital Detox Wochenende in der Viamala
Ohne Mobilgerät geniesst du die Zeit viel mehr.

Benjamin Gischard Kunstturner

Bald geht es zurück nach Biel, nach Magglingen, dann heisst es wieder trainieren, lernen, sich rüsten für die erste Olympiaqualifikation, «es geht Schlag auf Schlag, das wird taff», prophezeit der Profisportler. Apropos, wie geht es eigentlich Benjamins Handyakku? Klare Sache: Bestens. Er hat in den letzten 48 Stunden kaum Ladung verloren. Und Benjamins mentale Batterien, die sind jetzt wieder auf 100 Prozent. «Ich glaube, wenn man den richtigen Leuten in seinem Umfeld mitteilt, hey, ich verzichte eine Zeitlang auf das Handy, dann klappt das mit dem Abschalten auch wirklich», zieht er Bilanz. Und er hat gemerkt: «Ohne Mobilgerät geniesst du die Zeit viel mehr, du schaust dich um, erlebst, wie schön ein Ort ist.» Und kein Ding-ding-ding stresst dich. Klar, die gewohnten Handyföteli fehlen am Schluss, «aber so speicherst du die Eindrücke dafür einfach im Kopf. Und statt Bildli zu zeigen, erzählst du daheim von deinen Erlebnissen. Das ist vielleicht etwas schwieriger. Aber es ist auch sehr schön.»

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