Uhuere guat.

Zu Gast bei Migga Falett in Bergün

Landfrauenküche in Bergün (© Nicola Pitaro)

Sie geht sprichwörtlich durch den Magen, oft ist sie urplötzlich da – auf den ersten Blick: die Liebe. Genau so, mag manch einer der Gäste denken, die am Tisch in der urchigen Arvenholzstube ihre Gastgeber kennenlernen, genau so könnte es bei Migga und Fredo Falett gewesen sein – so delikat, so spontan, so herzlich.

Ganz genau so war es natürlich nicht – im Juni 1979 auf dem Tanzboden von Langwies. Migga Falett steht, während sie sich an alte Zeiten erinnert, in der Küche ihres 300 Jahre alten Bauernhauses in Bergün vor einer Schüssel mit Bramata-Polenta und geraffelten Bergkartoffeln, fügt gebratene Speck- und Bündnerfleischwürfel bei, ausserdem gehackte und gedünstete Zwiebeln sowie Kräuter aus dem Garten, überschüttet das ganze mit Butter, Rahm und Milch und schmeckt die Masse mit Salz und Pfeffer ab. Dann vermengt sie alles mit den Händen, bevor sie die Masse gleichmässig in vier kleine Schälchen verteilt und in den Ofen schiebt, neben den Sauerbraten, der schon seit Stunden niedergarend ausharrt: «Das», stellte Migga Falett ihre Kreation vor, «heisst bi ünsch Plain in pigna». Mit viel Fantasie und gutem Willen kann man es als Bündner Variante einer Berner Rösti durchgehen lassen, gebacken, nicht gebraten – und «uhuere guat».

Damals war Migga gerade mal 18 Jahre jung, «und vom Kochen», schmunzelt sie, «hatte ich keine Ahnung!» «War auch nicht nötig», lacht Ehemann Fredo Falett. «Dafür konntest du das Tanzbein schwingen wie keine andere!» Es war einer dieser Samstagabende, an denen die Bündner Landjugend aus allen Tälern dorthin strömte, wo gerade zur Brautschau aufgespielt wurde. Sie schwoften die ganze Nacht – und als der Morgen graute, war alles klar: Migga, eine Bauerntochter, die in Parpan aufgewachsen und mit ihrem Bruder nach Langwies gekommen war, und Bergbauer Fredo, der mit Kollegen aus Bergün im Albulatal ins Schanfigg gereist war – Migga und Fredo hatten einander gefunden.

42 Jahre sind seither ins Bündnerland gezogen, die Söhne Jann, Nino und Flurin zu gestandenen Männern herangewachsen. Und Migga Falett, die bald ihren 60. Geburtstag feiert, hat sich als begnadete Köchin und charmante Gastgeberin weit über Rätiens Grenzen hinaus einen Namen gemacht.

Migga Falett (© Nicola Pitaro)

In «Die Direktorin» spielen sie die Rolle ihres Lebens

Das liegt nicht zuletzt am Schweizer Fernsehen, das schon vor einem Vierteljahrhundert, zusammen mit dem ZDF, das Dorf Bergün zum Schauplatz einer TV-Serie machte: «Die Direktorin» war das Medienereignis des Jahres 1996. Migga und Fredo Falett, die als Statisten unter den 500 Dorfbewohnern die Rolle ihres Lebens spielten, erinnern sich an die Dreharbeiten. «Die Filmleute mussten lernen, dass man einen Alpaufzug nicht beliebig oft wiederholen kann!»

Es war aber ein anderer TV-Kult, der Migga Falett elf Jahre später zur Hauptdarstellerin erhob: Mitte November 2007 verwöhnte sie in der ersten Staffel des folkloristischen Kochwettbewerbs «Landfrauenküche» sechs Konkurrentinnen – und wurde von diesen zur ersten Siegerin erkoren. Der Erfolg des TV-Formats führte zehn Jahre später zur Gründung des Vereins Swiss Tavolata. Auch hier war Migga von Anfang an dabei. Unter vierzig Gastgeberinnen ist sie eine von drei Bündnerinnen: «Die Idee ist einfach», sagt sie. «Landfrauen laden Gäste zu sich nach Hause ein und verwöhnen sie mit Köstlichkeiten, die auf dem eigenen Boden oder im eigenen Stall gewachsen sind.»

Migga holt den Rindsbraten aus dem Ofen, schneidet ihn in dünne Tranchen und arrangiert diese, zusammen mit der Plain in Pigna dekorativ auf handgetöpferten Tellern. Jetzt übernimmt Fredo: Mit formvollendeter Eleganz serviert er den Hauptgang. «In der Küche führt Migga das Kommando», sagt er. «Ich spiele den Kellner und bin für die Stimmung zuständig.»

«Oben ist der Pass, und unten sind die Katholiken»

Fredo hat mit seinen 64 Jahren beschlossen, kürzer zu treten und den Hof samt siebzig Stück Vieh zu verpachten. Aber den Winterjob als Pistenpatrouilleur bei den Bergbahnen hat er ebenso behalten wie die Aufgabe, als Guide Touristen durch sein Dorf zu führen. Warum sind die Strassen so eng? Wie kommt der Jugendstil ins Kurhaus? Und was hat das alles mit dem Engadin hinterm Albulapass zu tun? Fredo Falett weiss es: «Oben ist der Pass, und unten sind die Katholiken – so kam es, dass die reformierten Gemeinden Bergün und Filisur sich als Engadiner Aussenposten verstanden und dies zu erkennen gaben, in dem sie ihre Holzhäuser mit Engadiner Fassaden verputzten.»

Die Gäste heute haben nicht gebucht und werden auch nicht zur Kasse gebeten: Migga hat, um nicht aus der Übung zu kommen, eine Freundin aus dem Dorf und deren Kinder zur privaten Tavolata geladen. «Normalerweise veranstalten wir alle zwei Wochen eine Tavolata», sagt sie. «Aber in dieser Wintersaison haben wir noch keinen zahlenden Gast begrüsst. Für uns gelten die Bestimmungen wie für normale Restaurants – und die sind derzeit geschlossen.»

Fredo kommt mit dem Geschirr in die Küche und holt das Dessert, Vanilleparfait an Nuss-Honig-Sosse. «Sehr fein sei es gewesen, sagen sie, vor allem das Fleisch – butterzart.» Er setzt sich zu Migga an den Tisch, sie seufzt leise; beide denken zurück an die Sommermonate. Im Bergdorf Medergen, das nur im Sommer bewohnt ist, am Wanderweg zwischen Arosa und Langwies, dort, wo einst alles angefangen hat, haben sich die Faletts ihre Zukunft eingerichtet.

Migga hat die Bergbeiz Alpenrose als Familienerbe übernommen, Fredo die Küche renoviert, und jetzt haben sie ein neues gastronomische Kapitel aufgeschlagen. In der Alpenrose fliessen weder Strom noch Wasser, dennoch geniessen die Wanderer Gerstensuppe und Bündnerplättli auf der Sonnenterrasse. Corona ist weit weg, tief unten im Tal. «Es ist gut, wenn man Freunde einladen kann, damit sie Gäste spielen», sagt Migga. «Aber besser ist es, wenn sie als Gäste kommen und als Freunde gehen.»

Migga Falett, Bergün (Foto: © Swisstavolata)

Ihre Tavolata buchen Sie bitte direkt bei der Gastgeberin:

migga.falett@bluewin.ch, +41 (0) 79 766 84 14