Von den Schönheiten des unteren Unterengadins.

Der Geschichtenerzähler von Ramosch

Dorfführer Mario Oswald in Ramosch (Bild: Franco Furger)
Ramosch und Vnà liegen etwas abseits der Engadiner Talstrasse. Links liegen lassen sollte man die beiden Dörfer jedoch nicht, denn sie haben spannende Geschichten zu erzählen.

Von Franco Furger

Mario Oswald winkt mir zu. Er steht mit einer schwarzen Mappe unter dem Arm vor dem Schulhaus von Ramosch, wo er 40 Jahre lang als Lehrer tätig war. Kein Tag sei ihm dabei langweilig gewesen, meint er. Nun geniesst er seinen Ruhestand und macht Dorfführungen für Gäste und Kulturinteressierte. Eine ehemalige Schülerin, die bei der Tourismusorganisation arbeitet, verschaffte ihm den Job, weil sie es immer gemocht hatte, wie er Geschichten erzählt.

Dorfführer Mario Oswald in Vnà (Bild: Franco Furger)

Dorfführer mit Leidenschaft

Marios Begeisterung für die Geschichte seiner Wahlheimat ist sofort zu spüren. «Im Mittelalter führte ein wichtiger Handelsweg durch Ramosch und Vnà», erklärt er nicht ohne Stolz. «Der Weg, der die Städte Rorschach und Bozen verband, führte aber nicht durch den Engadiner Talboden, sondern über die Berge Richtung Galtür und weiter nach Bregenz.» Mario zeigt mir die vermutetet Route auf einer Karte, die er aus seiner Mappe holt.

Das 400-Seelen-Dorf Ramosch befindet sich am unteren Ende des Engadins, rund zehn Kilometer von der Grenze zu Österreich entfernt. Oberhalb von Ramosch liegt der Weiler Vnà, idyllisch auf einer Sonnenterrase mit herrlichem Blick auf Berge, Wälder und die steilen Hänge der bekannten Val Sinestra. Obwohl ich im Engadin wohne, war ich noch nie in Vnà. Nun freue ich mich auf die Dorfführung mit Mario.

Engadinerhaus mit typischen Sgraffito-Verzierungen und Erker (Bild: Franco Furger)

Wir spazieren durch enge Gassen, wo sich die Engadinerhäuser nahe aneinanderschmiegen. Die meisten sind kunstvoll verziert mit den fürs Engadin typischen Sgraffito-Ornamenten. Nur ein Haus tanzt aus der Reihe, es trägt zwar ähnliche Muster wie die anderen, doch es ist bemalt, was untypisch ist.

Die Kornkammer des Engadins

Wir kommen an einem ehemaligen Kornspeicher vorbei, der zu einem Wohnhaus ausgebaut wurde. Die Grösse des Gebäudes erstaunt mich. «Ramosch und Vnà waren lange Zeit die Kornkammer des Engadins», erklärt Mario. «Überall an den sonnigen Hängen wurde Roggen angebaut, was zur Folge hatte, dass die Weideplätze fürs Vieh rar wurden. Darum suchten die Hirten neue Weideplätze und fanden diese hinter den nächsten Bergen – im heutigen Samnaun. Die ersten Siedler sind somit von Vnà aus nach Samnaun gekommen, was auch die Verwandtschaft der beiden Ortsnamen erklärt.»

Engadinerhäuser (Bild: Franco Furger)

Heute leben in Vnà nur noch rund 47 Menschen. Es hat fünf Bauernhöfe, eine Schreinerei, eine Pension mit Restaurant und ein ehemaliges Gasthaus, in dem man Appartements mieten kann. Im Sommer wie im Winter kann man hier herrlich wandern und – wenn genügend Schnee liegt – nach Ramosch hinunter schlitteln. Und vor allem kann man in Vnà wunderbar abschalten, denn Hektik und Lärm kennt man hier bloss vom Hörensagen.

Die besten Schneesportler kommen aus Vnà

In den 60er-Jahren sei dies noch anders gewesen, sagt Mario. «Damals gab es noch eine Schule mit rund 30 Schülerinnen und Schülern. Die Kinder von Vnà waren die besten Skifahrer der Gegend, wird gesagt, denn für die Sekundarschule mussten sie nach Ramosch hinunterfahren.» Diese sportliche Begabung scheint auch heute noch vorhanden zu sein, wie Elena Könz beweist. Die Snowboard-Weltmeisterin im Big Air wurde nämlich im kleinen Vnà gross.

Ehrentafel für Elena Könz in Vnà (Bild: Franco Furger)

Das Dorf Ramosch hat einen ganz anderen Charakter als Vnà. Typische Engadinerhäuser mit runden Türen, tiefen Fensterfluchten und hübschen Erkern sehe ich nur wenige, es dominieren vielmehr Häuser mit flachen Dächern. Der Grund ist, dass Ramosch sechs Mal abgebrannt ist, wie Mario weiss. «Nach den letzten Bränden in den Jahren 1880 und 1881 bauten italienische Gastarbeiter das Dorf wieder auf, dies im gewohnten italienischen Stil mit günstigerem Flachdach.»

Von Brandstiftungen und Wundern

Mario zeigt mir auch die Kirchen von Vnà und Ramosch und die Burgruine Tschanüff. Dabei kommt sein Talent als Geschichtenerzähler so richtig zur Geltung: Er erzählt von Kriegen und Intrigen, von Eifersucht und Versöhnung, von Brandstiftung und Totschlag. Er redet aus dem Stehgreif und muss nur selten in seiner schwarzen Mappe nachschauen, um eine Jahreszahl oder einen Namen zu überprüfen. Besonders spannend ist die Geschichte, wie Ramosch dank einem Wunder zum Wallfahrtsort wurde und warum so viele Knaben auf den Namen Flurin getauft werden. Details seien an dieser Stelle aber nicht verraten. Denn Mario Oswald erzählt sie viel besser und authentischer als ich.

Kirche in Ramosch (Bild: Franco Furger)
Burgruine Tschanüff bei Ramosch (Bild: Franco Furger)
Franco Furger

Autor.

Franco Furger

Franco Furger ist in Pontresina aufgewachsen. Als Profi-Snowboarder tourte er um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten und Texter ausbilden. Zurzeit arbeitet er als freischaffender Texter.