Graubünden Ferien Schweiz

Zu Besuch im Kloster St. Johann Müstair, UNESCO-Welterbe

Im Schmelztiegel der Geschichte

Im Kloster St. Johann Müstair gibt es richtig alte Dinge zu sehen: 1200 Jahre alte Fresken, den ältesten Wehrturm Europas oder die älteste Monumentalstatue von Karl dem Grossen. Genau darum wirkt ein Besuch wie eine Verjüngungskur.

Von Franco Furger

Bereits auf der Anreise fühle ich mich wie in eine andere Welt versetzt. Ich bin auf der Ofenpassstrasse mitten im Schweizerischen Nationalpark und fahre auf schnurgerader Strasse durch urtümlichen Arvenwald. Nach der Passhöhe windet sich die Strasse ins Val Müstair hinunter. Und plötzlich steht es erhaben vor mir: das Kloster St. Johann in Müstair.

Die alpine Landschaft im Val Müstair und das Kloster bilden seit 1200 Jahren eine Einheit.

Ich stehe im östlichsten Dorf der Schweiz, die Grenze zum Südtirol befindet sich nur wenige Hundert Meter nach den Klostermauern. Der Dorfname Müstair leitet sich vom lateinischen «monasterium» ab, was Kloster bedeutet. Das Kloster St. Johann hat demzufolge dem Ort und dem Tal seinen Namen gegeben. Das leuchtet ein, denn das mächtige Kloster prägt diese wunderschöne Gegend seit mehr als 1200 Jahren.

Die Legende von Karl dem Grossen

Der Legende zufolge hat es Karl der Grosse gestiftet. Mit dem Klosterbau soll er Gott dafür gedankt haben, dass er auf dem nahen Umbrailpass einen Schneesturm heil überstanden hatte. Ob es sich tatsächlich so zutrug, weiss nur Gott selber. Klar ist hingegen, dass Müstair damals ein strategisch wichtiger Ort für den Frankenkönig war. Das Kloster diente ihm als Herberge an den Passwegen und als Stützpunkt für seine Expansionspolitik nach Osten. Und es war ein wichtiger Verwaltungssitz für das Bistum in Chur.

50’000 Besucher pro Jahr

Heute ist das Kloster St. Johann eines der bestbesuchten Museen in Graubünden, es lockt jährlich mehr als 50’000 Besucher an. Es ist aber auch ein Ort, wo ununterbrochen Bauforschung und Archäologie betrieben wird, seit dem Jahr 1983 gehört es zu den Welterbestätten der UNESCO. Und noch immer leben, arbeiten und beten Klosterfrauen in der Anlage, dies nach den eng strukturierten Regeln des Heiligen Benedikt. Ausserdem betreiben die Nonnen ein Gästehaus für Menschen, die sich ein paar Tage geistige Einkehr gönnen wollen.

Die Klosterkirche mit dem Plantaturm (rechts), wo das Museum eingerichtet ist.

Ich habe mich für einen Museumsbesuch angemeldet. Im Eintrittspreis von 12 Franken ist die Museumsführung (ab 6 Personen) inbegriffen. Elke Larcher begrüsst mich mit einem herzlichen Lachen. Die grossgewachsene und schlanke Museumsdirektorin führt mich als erstes in die Klosterkirche, das Herzstück der Klosteranlage. Wow, was für ein Anblick! Die ganze Kirche ist bemalt, vom Boden bis zur Decke. Die meisten Bilder haben eine rötlich-braune Färbung, es sind Fresken aus der karolingischen Zeit. Das heisst, sie wurden um das Jahr 800 gemalt, kurz nach dem Bau der Kirche.

Von oben bis unten bemalt: Es ist der weltweit grösste Freskenzyklus aus dem Frühmittelalter.

Unglaublich, wie gut erhalten viele Fresken sind, die Jesusdarstellungen sind klar ersichtlich. «Es handelt sich um den weltweit grössten und besterhaltenen Freskenzyklus aus dem Frühmittelalter. Die gesamte Heilsgeschichte wird in Bildern dargestellt», erklärt die Fachfrau. Die karolingischen Fresken waren auch ausschlaggebend, warum das Kloster St. Johann Müstair im Jahre 1983 ins UNESCO-Welterbe aufgenommen wurde.

Auf den Fresken wird die gesamte Heilsgeschichte dargestellt.

Im vorderen Teil der Kirche fallen mir Bilder auf, die auch blaue und grüne Farbtöne aufweisen. «Das sind Fresken aus der romanischen Zeit, sie wurden um 1200 gemalt», weiss die Museumsdirektorin. «Die Kirche wurde in ihrer langen Geschichte mehrmals übermalt.»

Im Dachraum entdeckt

Den Schatz der karolingischen Fresken entdeckten zwei Forscher im Jahr 1894, als sie in den Dachraum der Kirche hochstiegen. Von 1947 bis 1951 wurden die Fresken dann komplett freigelegt. «Heute dauern Restaurierungsarbeiten viel länger, da man entsprechend vorsichtiger zu Werke geht als damals», erklärt Elke Larcher.

Weiter fällt mir eine mannsgrosse Statue auf. Sie stellt den Frankenherrscher und Klostergründer Karl den Grossen dar. Mit einem Alter von mindestens 900 Jahren ist es die älteste monumentale Stuckstatue des Königs und Kaisers.

 

Die Klosterkirche ist frei zugänglich und dient auch als Pfarrkirche mit täglichen Gottesdiensten. Lange Zeit jedoch war die Kirche allein den Klosterfrauen vorbehalten. Die Wende kam mit den Reformationswirren. Die Äbtissin Barbara von Castelmur (reg. 1510–1533) versprach die immerwährende Benützung der Klosterkirche – wenn die Bevölkerung bloss der katholischen Kirche die Treue erweist. Fakt ist, dass Müstair als einziges Dorf im Tal katholisch blieb. Als sichtbares Zeichen für die Pfarrkirche wurde 1530 der markante Kirchturm errichtet.

Das Museum: ein Kloster im Kloster

Elke Larcher führt mich ins Klostermuseum, das im Plantaturm eingerichtet ist; von aussen ist er an den Schwalbenschwanzzinnen erkennbar. Der Plantaturm, 960 als bischöflicher Wohn- und Wehrturm entstanden, ist einer der älteste Burgtürme Europas. Benannt ist er nach der Äbtissin Angelina Planta (reg. 1478–1509), die ihn neu ausbauen lies und mit allen Funktionen eines Klosters wie Refektorium (= Speisesaal) und Dormitorium (= Schlafsaal) ausstattete. Diese Räume dienen heute als mehrstöckiges Museum.

Enthauptung von Johannes der Täufer (Foto: Franco Furger) Ehemaliges Schlaf- und Lesezimmer der Benediktinerinnen (Foto: Franco Furger)
Links: Enthauptung von Johannes der Täufer, dem Schutzheiligen des Klosters. Rechts: Ehemaliges Schlaf- und Lesezimmer der Benediktinerinnen.

Ausgestellt sind Kostbarkeiten und archäologische Fundstücke aus der Klosteranlage: Filigran gefertigte Statuen, Fresken aus der Klosterkirche, Marmorstücke, Utensilien und Insignien der Klosterfrauen. Der Gang durch den Plantaturm ist nicht nur kunsthistorisch interessant, sondern gibt auch einen spannenden Einblick in das Leben der Benediktinerinnen, das sich bis heute nicht wesentlich geändert hat.

Stab der letzten Äbtissin (Foto: Franco Furger) Marmorfunde mit Engelsdarstellungen (Foto: Franco Furger)
Links: Stab der letzten Äbtissin. Rechts: Marmorfunde mit Engelsdarstellungen.

Im Kloster leben heute neun Schwestern im geregelten Rhythmus von «ora et labora et lege» (bete, arbeite und lies). Im Zentrum stehen die Gebetszeiten. Während den Arbeitszeiten dazwischen sind sie am Sticken oder bauen im grossen Garten Kräuter an, die sie zu Seifen, Konfitüren oder Sirupe verarbeiten. Im Klosterladen sind die verschiedenen hausgemachten Produkte erhältlich.

Museumsdirektorin Elke Larcher vor dem Besuchereingang.

Zum Abschluss frage ich Elke Larcher, was ihr am besten gefällt. «Da das Kloster nie völlig zerstört wurde, sind hier die verschiedensten Baustile aus 13 Jahrhunderten an einem Ort vereint. Es ist faszinierend wie Geschichte, Tradition, Innovation – Kulturpflege, Spiritualität und Forschung sich an diesem Ort immer wieder in Respekt begegnen und gegenseitig aufs Neue animieren und bereichern.»

Hier ticken die Uhren anders

Mich hat fasziniert, wie leicht man hier in eine andere Welt abtauchen kann und die Zeit vergisst. Das Kloster passt darum perfekt zum Val Müstair und seinem ruhigen und naturnahen Tourismus. Tipp: Nehmen Sie sich bewusst Zeit für einen Besuch und ziehen Sie sich warm genug an. Denn hinter dem 1,7 Meter dicken Klostermauern ist es auch im Sommer sehr kühl.

Hausgemachte Sirupe und Konfitüren produziert von den Klosterfrauen.
Franco Furger
Franco Furger

Franco Furger ist in Pontresina aufgewachsen. Als Profi-Snowboarder tourte er um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten und Texter ausbilden. Zurzeit arbeitet er als freischaffender Texter und Konzepter bei Cloud Connection in St. Moritz.

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