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Unterwegs im Kirchner Museum Davos

Die bunte Welt des Ernst Ludwig Kirchners

Ernst Ludwig Kirchner lebte und malte 21 Jahre lang in Davos, wo sich heute die weltweit grösste Werksammlung des berühmten deutschen Expressionisten befindet. Ein Besuch im Kirchner Museum Davos hält viel Überraschendes bereit.

Von Franco Furger

Da wo’s schön ist, da mal ich gut. Womöglich waren dies Ernst Ludwig Kirchners Gedanken, als er im Januar 1917 erstmals nach Davos reiste. Der bekannte Künstler war krank, die militärische Ausbildung während des Ersten Weltkriegs hatte bei ihm zu einem Nervenzusammenbruch geführt. Nach verschiedenen Klinikaufenthalten suchte er schliesslich in Davos Heilung.

Ansicht von Davos. So malte Kirchner seine Wahlheimat.

Die Bündner Berge taten ihm gut. Die alpine Landschaft und ihre Bewohner wirkten inspirierend auf Kirchner, der bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 in Davos lebte und hier zahlreiche wichtige Werke schuf.

Einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts

Kirchners farbstarke Bilder habe ich bisher bloss von Postkarten und Plakaten gekannt, doch heute will ich mir einige davon in echt ansehen. Ich bin auf dem Weg ins Kirchner Museum Davos, das weltweit die grösste Werksammlung dieses bedeutenden europäischen Künstlers beherbergt.

Das Kirchner Museum in Davos fällt auch als Gebäude auf

Die Kunstvermittlerin Linda Herzog begrüsst das Dutzend Besucher, das sich für die öffentliche Führung angemeldet hat. Im ersten Ausstellungsraum fällt mein Blick auf das Bild einer Dame mit Hut, die in einem Café sitzt. Kräftige Farben, wie sie für Kirchner typisch sind, dominieren, aber die Linienführung ist deutlich feiner und die Darstellung gegenständlicher als in anderen Werken.

Das Bild «Dodo am Tisch, Interieur mit Dodo» malte Kirchner 1909

«Das Gemälde ist ein Frühwerk von Kirchner», erklärt die Kunstvermittlerin. Kirchner malte es in Dresden des frühen 20. Jahrhunderts. Damals gehörte er der Künstlergruppe «Brücke» an, die mit expressiver Malerei für Aufsehen sorgte.

Wenn Farben und Formen aus der Reihe zu tanzen

Kirchner und seine Freunde setzten nicht mehr die Abbildfunktion ins Zentrum ihrer Malerei, sondern immer mehr ihre Gefühle, ihr inneres Empfinden beim Betrachten eines Motivs. Expressionistische Gemälde wie die von Kirchner zeichnen sich deshalb durch einen freien Umgang mit Farbe, Form und Perspektive aus.

Ein freier Umgang mit Farbe und Form prägen Kirchners Bilder

Die Skizzenbücher Kirchners

Weiter fallen im Raum grosse Vitrinen auf, in denen Skizzenbücher Kirchners ausgestellt sind. 161 Stück dieser handlichen, zumeist schwarzen Wachshefte befinden sich heute in der Sammlung des Kirchner Museum Davos. Noch bis zum 19. April 2020 werden sie erstmals in einer Ausstellung dem Publikum präsentiert.

Das Skizzenbuch war Kirchners täglicher Begleiter

«Kirchner hielt in den Skizzenbüchern all jenes fest, was ihn beschäftigte und sein künstlerisches Auge reizte. Kirchner konnte mit einigen wenigen, schnell gezeichneten Linien eine Szene einfangen und präzise darstellen», erklärt Linda Herzog.

Linien mit viel Wirkung

Auf den ersten Blick wirken viele Skizzen beliebig, erst beim längeren Betrachten eröffnen sich mir die Darstellungen und gleichzeitig das grosse Talent des Künstlers. Die Skizzen sind kleine Kunstwerke, mal mit feinen Linien geschwungen, mal als wildes Durcheinander und mit viel Bleistiftruck gekritzelt. Einige sind mit Buntstift und Aquarellfarbe koloriert, andere mit Tusche oder Kohlestifte gezeichnet.

Hefte voller kleiner Kunstwerke: Die Skizzenbücher Kirchners

«Auf diese Weise fand Kirchner Motive für seine Arbeit. Die Skizzenbücher sind wie gezeichnete Tagebücher, die den Weg vom Entwurf bis zum fertigen Kunstwerk nachvollziehbar machen», sagt Herzog. Die Skizzenbücher seien darum von hohem Wert für die kunsthistorische Forschung, über 600 Verweise auf andere Werke konnten bis jetzt identifiziert werden.

Die Skizzen dienten Kirchner als Entwurf für seine Werke

Auch in den anderen drei Ausstellungsräumen sind Skizzenbücher in Vitrinen ausgestellt. Und an den Wänden hängt eine Auswahl der über 40 Gemälde, die in der Sammlung des Museums sind.

Farbstark und melancholisch

Die Darstellungen reichen von Sportszenen, über Landschaften bis zu Aktbildern. Manche Bilder haben etwas Kindliches, viele wirken melancholisch und nachdenklich. Farbgewaltig – oft dominieren Lila- und Grüntöne – sind praktisch alle Werke, was Kirchners Kunst so anziehend und wirkungsreich macht.

Motiv von Ernst Ludwig Kirchner (Foto: © Franco Furger) Motive von Ernst Ludwig Kirchner (Foto: © Franco Furger)
Kirchners Motive waren vielseitig

Digital in alten Heften blättern

Plötzlich fällt mir ein Hologramm auf: Ein Skizzenbuch flimmert als dreidimensionales Lichtobjekt im Raum. Jetzt wird mir klar, warum die Ausstellung vom «Bleistiftstrich zum Hologramm» heisst. Frau Herzog erklärt: «Alle 161 Skizzenbücher wurden digitalisiert, Seite für Seite, insgesamt genau 10'259 Seiten. Und das Schöne ist, die Besucher können all diese Skizzen anschauen und durchstöbern.»

Auf dem Touchscreen in die Welt von Kirchner eintauchen

Die Kunstvermittlerin zeigt mir einen Tisch mit grossem Touchscreen. Ich kann damit Skizzenbücher auf den Bildschirm zaubern, darin blättern, die einzelnen Skizzen zoomen und drehen. Ich tippe «Dresden» und «Café» in die Suchmaske ein – und tatsächlich: Ich finde sie wieder, die Frau mit dem Hut, als einfache Skizze.

«Kunst» von Roboteragenten

Noch moderner wird es im hintersten Ausstellungsraum. An der Wand hängen Blätter mit Porträtdarstellungen. Die Gesichter sind in wirren Linien aufs Papier gekritzelt, mal deutlich, mal weniger gut erkennbar. «Ist das Kunst?», fragt Linda Herzog in die Runde. Die Frage ist berechtigt, da die Porträts nicht aus Menschenhand, sondern einem Roboterarm entstammen.

Von einem Roboter gezeichnete Portraits (Foto: © Franco Furger) Ein von einem Roboter gezeichnetes Portrait (Foto: © Franco Furger)
Von einem Roboter gezeichnet: Ist das noch Kunst?

Die Installation hat der belgische Künstler und Computerwissenschaftler Patrick Tresset eingerichtet. Mittels Kamera, Software und Robotik lässt er Museumsbesucher porträtieren. Tresset durchbricht bewusst die Grenzen des gängigen Kunstverständnisses, so wie es Kirchner auch gerne tat. Als Expressionist war ihm das unmittelbare Empfinden eines Moments oberstes Gebot. Tresset interessiert, wie sich das Kunstempfinden in einer robotischen Zukunft verhält.

Die Wandelhalle des Kirchner Museums Davos

Ernst Ludwig Kirchner gilt heute als Wegbereiter und einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Expressionismus. Er selber bezeichnete sich jedoch nicht so. Im Gegenteil, er wurde zornig, wenn ihn jemand «Expressionist» nannte. Für ihn war dies eine völlig unangemessene Klassifizierung seines differenzierten Kunstschaffens.

Ein Leben voller Leiden

Kirchner hatte einen schwierigen und narzisstischen Charakter. Sein Leben war geprägt von Schmerz und Suchtproblemen. Viele in sich gekehrte Menschen auf seinen Bildern mögen Ausdruck davon sein.

Eine Fruchtschale mit blauen Äpfeln. Für Nazideutschland war dies «Entartete Kunst».

Der Tiefpunkt erfolgte 1937, als die Nationalsozialisten in Deutschland Kirchners Bilder aus den Museen entfernen liessen und sie in der Ausstellungsreihe «Entartete Kunst» verhöhnten. Die Diffamierung seiner Person und seines künstlerischen Werks sowie seine persönlichen Probleme stürzten in ihn eine Sinnkrise, und schliesslich schien ihm der Freitod der einzig mögliche Ausweg. Kirchner nahm sich 1938 in seinem Haus in Davos mit einem Herzschuss das Leben. Er wurde 58 Jahre alt.

 

Das Kirchner Museum Davos

Die Kirchner-Sammlung umfasst 40 Gemälde, 7 Skulpturen, über 700 Zeichnungen und Aquarelle, 300 Holzschnitte, Radierungen und Lithographien, 161 Skizzenbücher, 900 Glas-und Zellulose-Negative, Vintage-Prints sowie rund 20 textile Werke. Ergänzt werden die Bestände durch Konvolute anderer namhafter Künstler der klassischen Moderne.

 

 

Franco Furger
Franco Furger

Franco Furger ist in Pontresina aufgewachsen. Als Profi-Snowboarder tourte er um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten und Texter ausbilden. Zurzeit arbeitet er als freischaffender Texter und Konzepter bei Cloud Connection in St. Moritz.

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