Graubünden Ferien Schweiz

Digital Detox im Safiental

Ohne Handy abseits der Grossstadt

Ohne Handy und Laptop macht sich Nicole Bittger – selbsternannter digitaler Junkie – auf, um das Safiental analog zu erleben. 

Von Nicole Bittger

Von meiner Heimatstadt Berlin, der Grossstadt mit über 3,7 Millionen Einwohnern, geht es für mich ins Safiental mit nicht einmal 1000 Ortsansässigen. Als digitaler Junkie, dessen gesamter Berufsalltag und ein nicht unbeachtlicher Teil der Freizeit am Bildschirm eines Laptops oder Mobiltelefons stattfindet, versuche ich mich auf dieser Reise ins beschauliche Safiental zum ersten Mal im Digital Detox. Ich lasse den Laptop zuhause und schalte das Smartphone aus.

Auf dem Weg ins 100-Seelen-Dorf Tenna

Papierkarte statt Google Maps

Das Wetter hat beschlossen, die Hitze der letzten Tage genau in dem Moment zu entladen, als ich mit grossem Rucksack bepackt aus dem Postauto im 100-Seelen-Dorf Tenna aussteige. Schwere Tropfen klatschen auf den Asphalt, während ich die Strasse auf dem Weg zur Unterkunft entlanglaufe. Immer geradeaus. Das verrät mir der Ausdruck der Umgebungskarte, den ich in der Hand halte. Ich weiss gar nicht, wann ich mir das letzte Mal eine Karte ausgedruckt habe, aber Google Maps kann ich ja nicht nutzen. Bei meiner Unterkunft, einem Biobauernhof, angekommen, zeigt mir Anne Casutt-Kautz zunächst mein Apartment. Abschliessen könne ich, aber das sei nicht nötig. Hier breche niemand ein. Wer solle das auch schon, man kenne ja alle. Willkommen im idyllischen Tenna!

Besser als jede Netflix-Doku

Meine Gastgeberin Anne Casutt-Kautz strahlt, wenn sie von dem gemeinsam mit ihrem Ehemann geführten Biobauernhof erzählt. Jetzt, im Hochsommer, ist es gerade Zeit, den Honig zu ernten. Die Bienenvölker waren fleissig und so soll nun die süsse Masse aus den Waben geholt werden. Ich darf dabei nicht nur naschen, sondern auch helfen. Statt einer Netflix-Doku auf der Couch daheim in Berlin über Biobauern zu schauen, packe ich während meines Offline-Experiments im Safiental direkt mit an.

Offline sein bedeutet auch, die Zeit zu haben, Menschen zu begegnen und zu lernen.

 

Zunächst werden die Wabendeckel vorsichtig abgetragen, das braucht etwas Fingerspitzengefühl. Wenn die klebrige Masse sich dann vom Deckel löst, hört man das unverkennbare schmatzende Honiggeräusch. Da tropft einem direkt der Zahn. Während wir vor uns her imkern, erklärt Anne nicht nur begeistert, wie man den Honig erntet, sondern auch wie Bienenvölker leben und wie der Bienenstock organisiert ist. Bisher war Honig für mich ein Produkt ohne grosse Geschichte, das ändert sich jetzt, Annes Begeisterung sei Dank. Ganz klar, die Bäuerin geht in ihrem Job auf und ich weiss bereits jetzt, dass ich im Safiental wohl noch viel lernen werde, ganz analog.

Vom 100-Seelen-Dorf in den Weiler mit 40 Menschen

Am nächsten Tag, nach einem leckeren Frühstück mit köstlichem frischem Honig, gehe ich noch einen Schritt weiter. Vom 100-Seelen-Dorf Tenna fahre ich mit dem Postauto nach Thalkirch. Dort wohnen gerade einmal rund 40 Menschen. In Thalkirch möchte ich weiter ins Offline-sein eintauchen und mich noch mehr auf die Natur einlassen. 

Ein Plakat an der Wand des Postautos verrät mir, dass ein paar Klicks reichen würden und schon wäre ich im WLAN. Verlockend! Doch ich bleibe standhaft und mein Handy ausgeschaltet. Stattdessen geniesse ich die Aussicht, welche hier im Safiental immer irgendwie perfekt ist.

In Thalkirch angekommen, treffe ich Paul Gartmann, der seit 30 Jahren Wildhüter in der Region ist. Ihn befrage ich zum Wildbestand und hole mir nützliche Tipps für meine Mission. Von ihm erfahre ich auch, dass es im Safiental seit einigen Jahren wieder Luchse und Wölfe gibt. Gerade der Luchs sei ein faszinierendes Tier. Die elegante Raubkatze sorgt bei den seltenen Begegnungen für Sprachlosigkeit. Fast noch ein wenig mehr leuchten Pauls Augen nur noch, als ich ihn nach seinem Lieblingsort im Safiental frage. Es ist einer der Bergseen, der für ihn seit Jahrzehnten einen Ort der Ruhe darstellt. Ganz gleich, welche Lebensumstände ihn gerade umtreiben, eine Wanderung hinauf zum See, ein eiskaltes Bad darin und der Seelenfrieden ist garantiert.

Wo der See liegt, verrate ich nicht. So habe ich es Paul versprochen. Aber wenn es mich noch einmal ins Safiental verschlägt, werde ich die Badesachen in den Wanderrucksack packen und mich noch einmal bei Paul melden. Das ist klar!
 

Abschalten: Beim Wandern zur Ruhe kommen und die Landschaft des Safientals geniessen.

Sonnenaufgangswanderung ohne Selfies

Den Rat vom Wildhüter angenommen, heisst es für mich am nächsten Tag noch vor Sonnenaufgang aufstehen. Zuhause liege ich nach dem Weckerklingeln oft noch eine halbe Stunde im Bett und checke schon einmal die ersten Nachrichten auf dem Handy. In der Hoffnung auf einen malerischen Sonnenaufgang über den Berggipfeln geht es direkt los. Durch die dunkle Ortschaft – welche eher einem gesprenkelten Klecks an einer Strasse als einem Dorf gleicht – vorbei am Berggasthaus Turrahus, den Weg hoch.

Im Safiental heisst es für mich, die Alltags­­­gewohnheiten gegen kleine Abenteuer tauschen.

 

Ziel ist der Tomülpass. Schon nach kurzer Zeit ist der breite Weg jedoch blockiert. Elsa und Emma, wie ich eigentlich alle Kühe in Gedanken nenne, liegen auf dem Weg. Für sie hat der Wecker noch nicht geklingelt und sie haben auch nicht vor, für mich früher aufzustehen. Lieber beobachten sie, wie ich mich um sie herum manövriere. Noch lange bevor ich den Pass erreiche, verziehen sich die Wolken an den Berggipfeln. Nur im Tal hängen sie noch. Die Sonne schiebt sich hervor, taucht das Panorama in wunderbares Licht und färbt die Berggipfel in ein zartes Rosé.

Eine irre Stimmung! Dafür lohnt sich das frühe Aufstehen auf jeden Fall. Surreal schön – das kann das Safiental. Oben auf 2412 Metern angekommen, geniesse ich mein verdientes Frühstück mit Ausblick und in Gesellschaft einiger neugieriger Kühe. Da könnte man doch glatt ein Selfie mit den Kühen machen – ach ja, da war ja was. Das Handy bleibt aus. 

Kühe im Safiental (© Nicole Bittger)

Für Murmeltiere braucht man Geduld

Bergabwärts denke ich an einen Tipp vom Wildhüter: «Möchtest du Murmeltiere aus nächster Nähe sehen, musst du geduldig sein. Wenn du siehst, wohin die Murmeltiere verschwinden, nähere dich dem Bau langsam, halte respektvollen Abstand, bleibe ruhig und warte ab. Nach einer Weile werden sie wieder aus dem Bau kriechen.» So soll es sein.

Die ersten pelzigen Genossen lasse ich noch davonflitzen und gehe weiter, doch als ich eines sehe, welches mindestens genauso neugierig scheint, wie ich es bin, nähere ich mich langsam und setze mich im Gras auf die Lauer. Ein paar Minuten vergehen, ehe sich zunächst der Hintern und dann das ganze Murmeltier aus dem Loch schiebt. Es dreht sich um und entdeckt mich, bleibt versteinert stehen, wir starren uns gegenseitig an, dann beschliesst es, wieder in seinem Bau zu verschwinden. 

Zu Besuch bei den Exoten

Später an diesem Tag kommen zu meiner Fotosammlung noch einige Exoten hinzu. Denn so verrückt das auch klingen mag, im beschaulichen Safiental gibt es auch Lamas, Kamele und Yaks. Die findet man auf dem Hof der Familie Bandli. Diese beschloss vor vielen Jahren, sich die Welt, welche sie auf Reisen kennengelernt hatte, mit den exotischen Tieren in die Heimat zu holen. Neben der Haltung von Yaks und dem Lama-Trekking begeistert sich die Familie Bandli vor allem für den eigenen Garten. Mit viel Liebe haben sie sich eine Obst- und Gemüse-Oase gepflanzt, die es ihnen ermöglicht, sich beinahe komplett selbst zu versorgen.

Lamas im Safiental (© Nicole Bittger)

Bei einer kleinen Führung begegne ich nicht nur dem grunzenden Schwein, welches die Rolle des Schädlingsvernichters erfüllt, sondern darf mich auch einmal durch den Garten probieren. Als wäre das nicht genug, werde ich noch mit einem hausgebackenen Blaubeermuffin für die Heimfahrt versorgt. 

Als ich dann mit meinem Muffin in der Hand neben dem Haus der Familie auf das Postauto warte, habe ich schon gar kein Verlangen mehr, das Handy zur Überbrückung der Wartezeit zu nutzen, sondern geniesse stattdessen viel lieber die Sonne, die mir ins Gesicht scheint.  

Wie herrlich doch solch kleine Momente sein können. Das hat mir dieses Offline-Experiment wieder in Erinnerung gerufen.

Digital Detox: mein Fazit

Überraschenderweise hat mir das Handy nicht gefehlt. Im Gegenteil, es war sogar ganz befreiend, zu wissen, dass man offline ist und somit auch nicht den Druck hat, auf Nachrichten und Notifications direkt zu reagieren. So blieb auch viel Zeit, um das Safiental intensiv wahrzunehmen und die Menschen kennenzulernen. Nach fünf Tagen ohne Laptop, ohne Verbindung zur Heimat, ohne Social Media, ohne Google, sind meine Batterien wieder aufgeladen.

Nicole Bittger
Nicole Bittger

Nicole ist bekennende Reisesüchtige und selbsternannter Online-Junkie. Auf ihrem Blog Passenger X lässt sie Leserinnen und Leser an ihren magischen Reisemomenten, aber auch an den Herausforderungen und Fails in fernen Ländern teilhaben.

Blogger-Magazin (Foto: © Graubünden Ferien, Marco Hartmann)
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