Graubünden Ferien Schweiz

Ein Wochenende im Kloster Disentis

Ach du heiliger Benedikt!

Ein Wochenende im Kloster – was macht man den ganzen Tag? Gibt es neben Beten und Singen andere Aktivitäten? Wird viel geschwiegen? Diese und viele weitere Fragen stellen sich vor einem Klosterbesuch. Ein Wochenende im Kloster Disentis führt in eine neue Welt, die doch überraschend normal ist.

Von Gina Sergi

Die ersten Sonnenstrahlen drücken sich durch die dicken Wolken. Es ist sieben Uhr und die Strassen in Disentis sind noch menschenleer. Das Kloster wacht über dem Dorf. Oben auf dem Hügel angekommen, gehen wir durch eine grosse Türe. Vor uns liegt ein langer, hell beleuchteter Gang. Der Lift führt uns in den vierten Stock, wo unser Zimmer liegt. Für einen kurzen Moment bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich in einem Kloster oder einem Wellnesshotel bin. Das Zimmer ist ganz aus Holz ausgestattet und lichtdurchflutet.

Gang im Kloster Disentis

Uns erwartet die Morgenmesse. Wir sind die Letzten, die die Kirche betreten. Wir setzen uns in die zweithinterste Bank. Stille. In den Bänken vor uns sitzen Männer in schwarzen Gewändern – die Mönche. Gesang ertönt und weiss angezogene Gestalten treten singend in die Kirche. Alle stehen auf.

Es ist mein erster katholischer Gottesdienst. Die Messe läuft sehr traditionell ab. Am Schluss wird das Brot gebrochen und der Wein getrunken. «Der Leib Christi», sagt der Mönch, als er mir das Stück Hostie in den Mund steckt. Ein knappes «Amen» kommt über meine Lippen. Wir verzichten auf den Schluck Wein aus dem Kelch und setzen uns wieder ruhig auf die Bank.

Nach der Messe wartet ein Mönch auf uns, der uns strahlend seine Hand entgegenstreckt. Es ist Bruder Martin, der uns durch das Wochenende begleiten wird. Gemeinsam mit ihm geht es in die Pilgerstube, wo für alle ein Frühstück serviert wird. Bruder Martin beginnt zu erzählen.

Der Mönch packt sein Smartphone aus und erledigt einen Anruf. «Hab’ ich noch nicht lange. Es war ein Geschenk meines Bruders. Es ist schon praktisch, so kommunizieren wir Brüder miteinander», lässt er uns mit einem breiten Grinsen wissen. Es ist sein erstes Handy. Vorher hat er schlichtweg kein Mobiltelefon gebraucht. So ist er jeder Zeit für seine Brüder oder Internatsangelegenheiten erreichbar.

Der Frühstückssaal ist voll. Bewohner aus Disentis sitzen gemütlich mit den Brüdern beim Kaffee und plaudern. Die ernste Stimmung aus der Messe ist weg.

Sportliche Mönche

Bruder Martin schwingt sich samt seiner Robe auf ein Mountainbike. «Ich treibe viel Sport. Seit ich hier in den Bündner Bergen lebe, habe ich das Mountainbiken für mich entdeckt.» Skifahren und Snowboarden zählen ebenfalls zu Bruder Martins Hobbys. Die Brüder machen oft zusammen Sport. Wer Sportbekleidung braucht, erhält vom Abt Geld, um die Ausrüstung zu kaufen. Sportlich gekleidet geht’s auf den Fussballplatz, der den Blick auf die mächtigen Berge eröffnet.

Bruder Martin radelt auf seinem Mountainbike durch Disentis Mönch auf dem Fussballplatz

Bruder Martin ist seit knapp elf Jahren im Kloster Disentis. Neben dem Mönch-Sein arbeitet er im Internat und auch sonst gibt es immer etwas zu tun. «Bei uns läuft immer etwas! Sei es eine Geburtstagsfeier von Dorfbewohnern, Taufen oder andere Aktivitäten. Langweilig wird’s hier nie», erzählt er auf dem Weg zurück ins Kloster.

Mönch

An seinem Armband klingelt etwas. Es ist seine Smartwatch, Bruder Fridolin ruft an. Wieder in der schwarzen Robe gekleidet, begrüsst Bruder Martin eine Firmklasse aus Flims. Die Schüler verbringen ein Wochenende im Kloster. Es soll eine Vorbereitung für die Firmung sein.

Nach diesem Treffen geht es für alle in die Mittagshore – Stundengebet vor dem Mittagessen. Das Gebet wird gesungen. Nach einer Viertelstunde geht es an den Mittagstisch. Bruder Martin trifft sich mit Freunden zum Fondue-Plausch, wir anderen essen im Klosterbistro. Schweinsfilet steht auf dem Menü.

Koch bereitet Mittagessen im Kloster Disentis zu

Bruder Martin bietet uns eine Führung durch das Gymnasium und Internat an. Der renommierte Bündner Architekt Gion Caminada hat das Mädcheninternat designt. Es ist modern und mit viel Holz gestaltet. Nun haben wir Zeit, alleine das Kloster zu erkunden. Wir werden von allen freundlich begrüsst, während wir durch die Gänge schlendern. Die Leute im Kloster sind immer für ein Gespräch zu haben.

Den Tag lassen wir gemeinsam mit Bruder Martin und den Firmlingen beim Abendessen ausklingen. Am Tisch neben uns sitzen sieben Internatsschüler. Gegessen wird erst nach dem gemeinsamen Tischgebet.

Um acht Uhr findet am Samstag das Gebet in die Nacht statt, dann ist Nachtruhe. Wir ziehen uns in unser gemütliches Zimmer zurück, es war ein anstrengender Tag. Die Atmosphäre im Kloster ist nicht so steif, wie zuerst gedacht. Als Nachtlektüre dient die Kloster-App. Mit einer Karte navigiere ich mich durch die Martinskirche und entdecke Sehenswürdigkeiten. Ausserdem lese ich die Geschichte des Kloster Disentis durch und erfahre mehr über die Restaurierung. Die Klosterkirche St. Martin soll in altem Glanz erstrahlen – die Südfassade wird restauriert, damit der kunsthistorische Wert des Kulturgutes erhalten bleibt.

Gästezimmer des Klosterhotels Disentis

Auf der Suche nach den Wurzeln

Die Messe am Sonntagmorgen beginnt um acht Uhr – etwas später, da gestern Abend das Gebet die frühe Morgenmesse ersetzt hat. Danach steht Frühstück in der Pilgerstube Stiva bereit. Heute steht nicht mehr viel auf dem Programm. Wir beschliessen einen Besuch im Klostermuseum zu machen.

Ein letztes Mal schlendern wir durch die hellen Gänge. Es sind nicht viele Leute im Kloster heute. Das Museum liegt im dritten Stock. Wir sind alleine. Die Ausstellung erzählt die lange Geschichte des Klosters und ist sehr schön dargestellt – viele historische Gewänder und Gemälde sind zu betrachten. Ausserdem gibt es noch eine Geografie-Ausstellung, in welcher Tiere und Mineralien aus Disentis gezeigt werden.

Klostermuseum in Disentis Klostermuseum in Disentis

Das Telefon klingelt – es ist Bruder Martin, der sich von uns verabschieden möchte. Wir treffen ihn vor dem Pilgerbistro. «Kommt bald wieder!», sind Bruder Martins letzte Worte während wir aus dem Kloster laufen. Ein spannendes Wochenende liegt hinter uns.

Ich bin mit einer kritischen Haltung in dieses Wochenende gestartet und konnte mir vom Leben im Kloster nicht wirklich ein Bild machen. Ich habe mich auf dunkle, kalte Gänge und düsteren Gesang von schüchternen Mönchen vorbereitet. Die Angst, dass niemand mit uns reden will und wir komisch angeschaut werden, war da. Aber all diese Gedanken waren total falsch – nichts davon ist eingetroffen. Im Gegenteil, ich durfte ein schönes, lustiges Wochenende mit aufgestellten, gesprächigen Leuten erleben. Ich wurde im Kloster akzeptiert und respektiert, so wie ich bin. Die Bewohner haben mich freundlich aufgenommen und mir eine neue, überraschend normale Welt gezeigt.

Kloster in Disentis

Ich nehme neue Eindrücke mit und habe so einige Vorurteile weggelegt – nun ist klar, dass in einem Kloster weit mehr gemacht wird als nur Beten. Sporttreibende, lachende Mönche werden mir am tiefsten in Erinnerung bleiben.

Gina Sergi
Gina Sergi

Gina Sergi studiert Journalismus im Bachelorstudiengang Kommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Medienwissenschaften in Winterthur.

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