Graubünden Ferien Schweiz

Genuss und Ruhe

Eine Fernwanderung auf der Senda Sursilvana

Sumvitg, Surselva

Das Spektakuläre an der Surselva ist, dass das Spektakel fehlt. Es ist eine Wanderregion, die Ruhe ausstrahlt und von Echtheit zeugt. Ein Ort, an dem Aktivsein erholsam wirkt.

Von Martin Hoch

Eine Weitwanderung durch die Surselva

Surselva heisst auf Deutsch «oberhalb des Waldes». Und da beginnen wir unsere Fernwanderung entlang der Senda Sursilvana: auf dem Oberalppass, weit über der Baumgrenze. Der eigentliche Startpunkt der Mehrtageswanderung ist Andermatt. Wir sparen uns den Aufstieg und schonen unsere «Wädli» für die kommenden Tage, indem wir mit dem Zug auf die Passhöhe fahren.

Die bestens ausgeschilderte Strecke führt Wanderer durch die Surselva, das Bündner Oberland, und endet in der Alpenstadt Chur. Während fünf Tagen sind 120 Kilometer, 4600 Meter Aufstieg und 5400 Meter Abstieg zu bewältigen. Die Wanderung ist mit mittlerer Konditionen gut zu meistern und bietet unterwegs jede Menge Genuss. Kommen Sie mit auf eine idyllische Wanderung, wir zeigen Ihnen zudem unsere Lieblingsplätze entlang der Strecke.

Wer nascht, kommt nicht vorwärts

Die herbstliche Morgenluft ist frisch. Doch die Sonne, die bei der Ankunft auf dem Oberalppass hinter den Berggipfeln emporsteigt, verspricht einen sonnigen Tag mit bestem Wanderwetter. Dazu gesellt sich ein weiterer Genuss. Einer, der uns an diesem ersten Tag Stunden kosten wird: Bergwiesen voller Heidelbeeren. Ja, bereits nach wenigen hundert Metern sind wir am Schnausen statt am Wandern. «Du, wir müssen weiter», heissts auf der einen Seite. Die Antwort lautet nicht selten: «Nur noch kurz, ich habe hier eine Staude mit herrlich süssen Beeren gefunden.» Dafür muss man nicht ins unwegsame Gelände – nein, die Heidelbeeren wachsen direkt am Wegrand.

Heidelbeeren (Bild: Martin Hoch)

Sind wir dann doch am Wandern, geht’s grösstenteils entlang von schmalen Pfaden, als Kinder nannten wir diese «Indianerwege», und wir begegnen keiner Menschenseele. Unterwegs erblicken wir immer wieder Bergbäche. Wir können nicht wiederstehen, holen die Badehose aus dem Rucksack und gönnen uns ein Bad. Apropos Gepäck: Wir sind die Tage dank einem organisierten Gepäcktransport nur mit Tagesrucksäcken unterwegs. Den Abend lassen wir in Sedrun ausklingen, können kaum warten bis der nächste Tag anbricht und wir weiterwandern dürfen.

 

Lieblingsplatz der 1. Etappe: Tegia Las Palas

Auf der Sonnenterrasse Milez erblicken wir zwei Esel: Pippo und Luis. Erst begutachten sie uns leicht skeptisch, doch die Neugierde obsiegt, sie kommen näher und geniessen schliesslich die Streicheleinheiten. Die beiden gehören zum Bergbeizli Tegia las Palas. Das Alpencafé bietet hausgemachten Kuchen, feine Plättli und einen süffigen Holundersprudel oder auch Süssmost. Tipp: Neben dem Beizli lässt sich in einem Brunnen die Wasserflasche für unterwegs wieder auffüllen.

 

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Die beiden Esel Pippo und Luis (Bild: Martin Hoch) Bergbeizli Tegia Las Palas (Bild: Martin Hoch)

Eine Extrameile für ein feines Abendessen

Die zweite Etappe wird uns von Sedrun nach Rabius führen. Offiziell endet die Route im Nachbarsdorf Sumvitg. Doch uns zieht es bis nach Rabius ins Hotel Greina, denn hier soll die Küche speziell gut sein. Und auch heute finden wir unterwegs wieder einen Ort für ein erfrischendes Bad: ein kleiner Pool im Rhein. Doch erst geht’s über Wiesen, durch Wälder und vor allem vorbei an hübschen Chalets mit üppigen Gemüsegärten.

Wir entdecken die liebliche Seite der Surselva, wie auch die sakrale. So erblicken wir auf einer Wiese am Wegrand eine kleine Kapelle. Eine an der Mauer angebrachte Muschel zeugt davon, dass hier ein weiterer Fernwanderweg vorbeiführt: der Jakobsweg.

An religiösen Stätten mangelt es auf dieser Etappe nicht. In Disentis präsentiert sich stolz und nicht übersehbar das Benediktinerkloster Disentis und am Schluss des Tages, sollten die Beine nicht zu müde sein, führt ein Abstecher zur Caplutta Sogn Benedetg. Der Architekt Peter Zumthor erbaute diese Holzkapelle oberhalb von Sumvitg, nachdem 1984 eine Lawine die alte Kapelle zerstörte. Ein Meisterwerk, das ihm 1999 den Architekturpreis «Neues Bauen in den Alpen» einbrachte.

Noch ein Wort zum Etappenziel: Für das Abendessen im Hotel Greina legten wir gerne noch einige zusätzliche Meter zurück. Das Hotel und Restaurant wird von Andreas und Barbara Baselgia-Dermon in der vierten Generation geführt. Und die beiden legten noch ein «Schiitli» drauf. Sie modernisierten das Haus und verpassten der Küche die richtige Würze: bodenständige, lokale Kost, wunderbar serviert und mit viel Geschmack. Damit etablierten sie das Gasthaus innert kurzer Zeit zu einer guten Adresse.

 

Lieblingsplatz der 2. Etappe: Café La Centrala

Der Name des Cafés verrät, wo es steht: im Zentrum von Disentis. Hier im Café La Centrala verführt uns der hausgemachte Kuchen und die sonnige Terrasse. Aber auch ein Blick rein ins Café lohnt sich. Das moderne, stilvolle Ambiente lädt zu längerem Verweilen ein. Doch wir müssen weiter – es wartet noch beinahe ein ganzer Wandertag.

 

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Das gastfreundliche Oberland

Eine Fernwanderung ist aus mehreren Gründen ein Erlebnis. Zum einen ist der Erholungsfaktor ab der ersten Minute gegeben, dafür sorgt die Bergluft und die Abgeschiedenheit. Gleichzeitig entdecket man versteckte Plätze abseits der Hauptstrassen. Tatsächlich wohnen wir selber in der Surselva, die Strasse zwischen Chur und Disentis sind wir bereits unzählige Male gefahren und doch lernten wir die Region erst auf der Senda Sursilvana so richtig kennen.

Auf der dritten Etappe treffen wir oberhalb von Trun auf der Terrasse Acladira auf einen Weiler. Charmant und verwunschen schauts hier aus. Wir sind neugierig und spazieren durch die Ansammlung weniger Häuser, die von der Wallfahrtskirche Nossadunna dalla Glisch (Maria Licht) überragt wird. Dabei treffen wir auf das Hospezi von Ursula und Christian Weber. Die beiden wohnen und arbeiten seit 20 Jahren in ihrem Chalet, pflanzen rund 150 Pro Specie Rara Gemüsesorten an. Die Erhaltung der Arten- und Sortenvielfalt einheimischer Nutztierrassen und Kulturpflanzen ist ihnen ein grosses Anliegen. Sie schaffen es hier im Berggebiet auf rund 1000 m ü. M. als Selbstversorger zu leben, gleichzeitig Gästen in ihrem Hotel und Restaurant mit frischen Zutaten aus ihrem Garten leckere Mehrgänger zu servieren. Doch für eine Mahlzeit ist es uns noch zu früh, so verabschieden wir uns von den beiden. Christian Weber händigt uns noch einige seltene Feuerbohnen aus. Wir sollen sie im kommenden Jahr pflanzen: «So könnt auch Ihr etwas zur Erhaltung dieser Pflanze beitragen.» Für uns ist es das perfekte Souvenir.

Wir wandern weiter durch Wälder, treffen auf Pilzesammler, spazieren über Wiesen mit urchigen Maiensäss-Ställen und blicken von Hochebenen runter ins Tal. Unterwegs treffen wir auf ein älteres Bauernpärchen. Sie tragen Kisten voller Birnen und drücken uns gleich je eine Frucht in die Hand. «Wir hatten eine gute Saison», sagen sie lächelnd. Wir danken’s, denn wir können die Stärkung gut gebrauchen. Das Mittagessen (siehe Lieblingstipp 3. Etappe) liegt bereits wieder eine Weile zurück und wir merken, der letzte Hügel nach Brigels hat es noch in sich.

Und wieder lohnen sich die Mühen, ein wunderbares, neues Hotel wartet auf uns: das Hotel Mischun von Hanjörg Schiess und Martina Martoncikova. Schiess verbachte seine Ferien seit den 1980er Jahren in der Surselva. Mit dem Hotel verwirklichte sich der Thurgauer Unternehmer einen Traum. «Sein und geniessen ist unser Thema», sagt der Neo-Hotelier. Das fällt hier leicht. Die müden Muskeln erholen sich in der kleinen, feinen Wellnessoase des Hauses und fürs Abendessen hält Schiess einen guten Tipp für uns bereit: das Restaurant Vincenz. Hier wird saisongerecht Frisches von der Jagd aufgetischt, beispielsweise ein Hirschcarpaccio. Die Senda Sursilvana wird dem Begriff Genusswandern von Tag zu Tag gerechter.

 

Lieblingsplatz der 3. Etappe: Ustria da curtgin

Mitten im Bergdorf Schlans treffen wir auf dieses kleine Restaurant von Annamaria Pfister-Casanova. Der Mangold für die Capuns wächst im Garten hinter der Terrasse der Gartenbeiz. Und wer es nicht mehr bis nach Brigels schaffen würde, dem wird hier auch ein Zimmer angeboten.

 

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Auf den Spuren Suworows

Die heutige Etappe führt uns von Brigels über Siat nach Laax. Und hier am Etappenziel wohnen wir. Was für uns heisst, dass die Fernwanderung nach vier von fünf Etappen zu Ende sein wird. Leider. Wir nehmen uns aber vor, die letzte Etappe der Senda Sursilvana, die einen nach Chur führt, irgendwann auch noch anzutreten.

Das Highlight des heutigen Wandertages ist der Panixer Stausee. Den dahinterliegenden Panixerpass überquerte einst General Suworow mit seiner 22'000 Mann starken Armee. Man schrieb das Jahr 1799, als die Grossmächte England, Russland und Österreich einen Teil der Kämpfe gegen Frankreich in die Schweiz verlagerten. Suworows Truppen erreichten die Surselva entkräftet und halb verhungert. So plünderte die Schar von Russen, Kalmücken, Kosaken und Tataren das Bergdorf Pigniu/Panix und brannte es anschliessend nieder.

Auch wir erreichen Pigniu/Panix mit einem ordentlichen Hunger, doch wir sehen von einer Plünderung ab und kehren in die Ustria Alpina ein. Lange bleiben wir jedoch nicht sitzen, denn es liegt noch was vor uns: Von Siat führt uns der Weg nach Ladir und weiter über Falera nach Laax. Der heutige Wandertag hat es in sich. Wir legen eine Strecke von 32 Kilometern, einen Aufstieg von 1150 Meter und einen Abstieg von 1300 Meter zurück. Nun gut, im Vergleich zu Suworows winterlicher Passüberquerung ein Spaziergang.

 

Lieblingsplatz der 4. Etappe: Lazy Mountain Lodge

Die Sonnenterrasse der Lazy Mountain Lodge in Ladir bietet grossartige Ausblicke auf die Signina Gruppe, den Piz Mundaun und das Skigebiet von Obersaxen. Der äusserst sympathische Stefan Schiess, ein ausgewanderter Basler, bietet tagsüber auf einer kleinen Karte was zwischen die Zähne und kühle, wie auch heisse Getränke. Ein idealer Ort für eine letzte Stärkung auf dem Weg nach Laax.

 

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Martin Hoch
Martin Hoch

Martin Hoch war über sieben Jahre auf Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebautem Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur. Zurück in der Schweiz widmet er sich dem Reisejournalismus, bereist noch immer regelmässig die Ferne und ist genauso fasziniert von der Schweizer Bergwelt.

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