Graubünden Ferien Schweiz

Nachtwandern

Im Mondlicht auf den
Piz Scalottas

Um 2.30 Uhr aufstehen, um mitten in der Nacht auf einen Berg zu wandern? Ich habe es mir mehrmals überlegt. Doch nach der Nachtwanderung auf den Piz Scalottas in Lenzerheide mit Sonnenaufgang würde ich es sofort wieder tun.

Von Nadja Maurer

Es ist 03.15 Uhr an einem Mittwochmorgen – ein Grüppchen dunkler Gestalten versammelt sich auf dem Parkplatz Fadail in Lenzerheide. Die Nacht ist klar, ein laues Lüftchen weht, es ist angenehm warm für September. Am Himmel leuchten die Sterne um die Wette. Der Tag meint es gut mit uns. Meine Wanderkameraden kann ich in der Dunkelheit kaum erkennen. Auch mit der Umgebung tun sich meine müden Augen noch etwas schwer. Wanderleiterin Susanne begrüsst uns und weiss: Unsere Augen werden sich schnell an die Dunkelheit gewöhnen. Bevor wir losmarschieren, weist uns Susanne auf wichtige Verhaltensregeln während der Nachtwanderung hin: Zusammen bleiben und den Weg nicht verlassen. Ruhig bleiben, damit wir die Wildtiere nicht stören. Stirnlampe nur einschalten, wenn unabdingbar.

Wandern unterm Sternenmeer

Los geht es. In gemütlichem Tempo folgen wir dem Forstweg aufwärts Richtung Bergstation Tgantieni. Angestrengt nehmen meine Augen weiter oben erste Alphütten wahr. Lichtquellen erkenne ich dafür umso deutlicher. Selbst kleine Lichtlein, die sonst unscheinbar sind, haben nachts eine grosse Strahlkraft. «Eine Sternschnuppe», flüstert einer der Teilnehmenden seinen Kollegen zu. Ich blicke in den eindrucksvollen Himmel, der sich wie ein Sternenteppich über uns erstreckt, in der Hoffnung, auch eine Sternschnuppe zu sehen. Mein Blick wandert schnell zurück auf den Boden. Besser schauen, wo man hintritt. Doch der Wanderweg ist inzwischen gut ausgeleuchtet. So, als würde uns jemand vom Himmel herab mit einer Taschenlampe den Weg weisen. Als dankbarer Lichtspender erweist sich der Halbmond, dessen Leuchten an diesem Morgen kein Wölkchen trübt. Susanne hatte recht.

Gruppe beim Nachtwandern in Lenzerheide (Foto: © Nadja Maurer, Graubünden Ferien)

Wir ziehen vorbei an Wäldern, Wiesen, Geissen, Kühen, Speichersee, Berggasthaus. Von der anderen Talseite ist das Rauschen des Wasserfalls Sanaspans zu hören. Die wohltuende Stille wird nur von ihm und dem Knirschen von Kies und Schotter unter unseren Wanderschuhen gestört. Nach einem etwas steileren Wegabschnitt erreichen wir um 5.10 Uhr die Alp Nova auf 2000 Metern über Meer. Wir legen eine kurze Pause ein. Ich nutze die Zeit, um meinen inzwischen knurrenden Magen mit einer Banane und einem Müsliriegel zu besänftigen. Vor allem aber, um das endlos grosse Sternenmeer über mir demütig zu bestaunen. Über dem Lenzerhorn entdecke ich das Sternbild des Kleinen Wagens. Dort! Ein Stern bewegt sich am Himmel auffällig schnell. Zu langsam aber für eine Sternschnuppe – zu schnell für ein Flugzeug. Wohl ein Satellit, stelle ich im Gespräch mit einer Nachtwanderkameradin fest.

Mit jedem Schritt der Sonne entgegen

Der Weg führt weiter über einen Forstweg. Auf dem darauffolgenden Trampelpfad sind die Augen etwas mehr gefordert, doch die Stirnlampe bleibt in der Jackentasche. So langsam erhellt sich im Osten der Horizont, die Sonne kündigt sich an. Als würde ein Maler seine schwarze Kulisse nach und nach mit Farbe bestreichen. Mit jedem Schritt verschwinden die Lichter im Tal und die Sterne am Himmel. Etwa 40 Minuten nach Aufbruch bei der Alp Nova erreichen wir die June Hütte. Unsere Ankunft wird von einem Hahn mit lautem Krähen quittiert. Der Horizont hat inzwischen eine orange, fast kitschige Farbe angenommen. Zum ersten Mal kann ich die Gesichter meiner Mitwandernden erkennen – alle versetzt in ein Staunen ob dieser wunderschönen Morgendämmerung. Nur die hellsten Sterne am Himmel können dem Tagesanbruch noch Paroli bieten. Aber es geht nicht lange, dann verschwinden auch sie im hellblauen Morgenhimmel.

Von der June Hütte ist es nicht mehr weit bis zum Gipfel. Nach insgesamt rund 3:00 h Wanderzeit und 856 m Höhendifferenz erreichen wir um ca. 06.30 Uhr das kleine Plateau beim Gipfelkreuz auf dem Scalottas. Geschafft! Oben stelle ich fest: Wandern in der Nacht ist kurzweilig. Lag es daran, dass ich nicht sehen konnte, wohin der Weg führte? Oder daran, dass ich meine Umwelt im Dunkeln ganz anders, intensiver, wahrgenommen habe? Ich weiss es nicht. Die drei Stunden Wanderzeit vergingen jedenfalls wie im Flug.

Gruppe beim Nachtwandern in Lenzerheide (Foto: © Nadja Maurer, Graubünden Ferien)

Sonnenaufgang und Gipfelfrühstück als Belohnung

Die Fernsicht auf dem Piz Scalottas ist perfekt: Gar die schneebedeckte Spitze des knapp 50 Kilometer weit entfernten Piz Bernina im Oberengadin ist zu erkennen. Auf der Terrasse des Bergrestaurants warten wir dann gespannt auf die Sonne. Die ersten Strahlen kündigen sich auf den umliegenden Bergspitzen an, erhellen die Täler, bis sie um 07.17 Uhr den Grat des Pizza Naira zwischen Parpaner Rothorn und dem Lenzerhorn erreichen und wenige Sekunden später unsere zufriedenen Gesichter.

Im Bergrestaurant Piz Scalottas wärmen wir unsere inzwischen etwas kalt gewordenen Glieder mit Kaffee und heisser Schoggi auf. Für den Bauch gibt es ein wohlverdientes Bergfrühstück mit Gipfeli, Brot, Fleisch aus Valbella, Salzis aus Tschiertschen und Käse aus Lenzerheide. Wir lassen die Wanderung am Tisch Revue passieren. Alle sind sich einig: Das war ein tolles Erlebnis. Nach dem gemütlichen Frühstück macht sich ein Teil der Gruppe zu Fuss auf Richtung Tal. Ich entscheide mich für die erste Bahnfahrt um 9.15 Uhr. Auf dem Sessellift zeigt sich mir das Panorama nochmals in seiner ganzen Schönheit. Zu meinen Füssen liegt im Hang ein kauendes Murmeltier im Gras und geniesst das Frühstück mit Aussicht. Auf der Talfahrt kommen mir die ersten Wanderer entgegen. Der Lärm der Strasse ist nach und nach zu hören, von weitem Bauarbeiten. Die Welt erwacht – und ich wünsche mir die vergangene Nacht zurück.

Restaurant Piz Scalottas (Foto: © Nadja Maurer, Graubünden Ferien)
Nadja Maurer

Nadja Maurer ist mit Stift und Kamera bepackt für Graubünden Ferien unterwegs und berichtet über spannende Erlebnisse von Feriengästen und neuen Abenteuern in Graubünden.

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