Graubünden Ferien Schweiz

Auf den Spuren drei grosser Schweizer Künstler

Im Tal der Giacomettis

Die App «Giacometti Art Walk» zeigt das Leben und Werk der berühmten Künstlerfamilie auf neue Art: Zeitzeugen erzählen in Kurzfilmen unterhaltsame Anekdoten, die sie mit den Giacomettis erlebt haben. Wer sich auf diesen «Kunstweg» begibt, lernt nicht nur Eigenheiten von Alberto, Giovanni und Augusto kennen, sondern auch die Naturschönheiten ihrer Heimat Bergell.

Von Franco Furger

Einen «Alberto Giacometti» hatten wir alle schon mal in den Händen. Er ist der Mann auf der (alten) 100-Franken-Note und zweifelsohne einer der grössten Künstler, den die Schweiz hervorgebracht hat. Alberto Giacometti hat Weltruhm erlangt. Bekannt sind vor allem seine langgezogenen und dünngliedrigen Bronzestatuen, die zum Teil für 100 Millionen Dollar und mehr gehandelt werden. Er war aber auch als Maler und Grafiker berühmt. Giovanni Giacometti, Albertos Vater, und Augusto Giacometti waren ebenfalls bekannte und stilprägende Maler.

Beeindruckende Stimmung am Ufer des Silsersees.

Aufgewachsen sind alle drei Giacomettis in Stampa, einem kleinen und unscheinbaren Ort im Bergell. Das Bündner Südtal verbindet das Engadin mit der Lombardei. Es führt von den vergletscherten Bergen in Maloja (1815 m ü. M.) zu den Palmen in Chiavenna (333 m ü. M.), das bereits in Italien liegt. In diese Gegend, geprägt von wilder Natur, schroffer Schönheit und steilen Bergflanken, führt mich die App «Giacometti Art Walk».

Piz Lagrev (3165 m ü. M.) bei Maloja.

Fünf Themenwege zur Wahl

Mich überrascht, wie umfangreich die App ist: Fünf Themenwege an unterschiedlichen Orten habe ich zur Wahl:

  • Am Ufer des Silsersees. An diesem prächtigen See hat Giovanni Giacometti gerne und oft gemalt.
  • In Maloja. Hier hatten die Giacomettis ein Sommerhaus. Maloja war zudem Wohnort von Giovanni Segantini, der grossen Einfluss auf die Malerei von Giovanni Giacometti hatte.
  • In Stampa. Das kleine beschauliche Dorf ist die Heimat der Künstlerfamilie. Zeitlebens blieben alle Giacomettis eng mit Stampa verbunden und kamen regelmässig hier zurück, um zu arbeiten.
  • Zwischen Borgonovo und Stampa. Auf dem Friedhof von Borgonovo liegen die Giacomettis begraben.
  • In Chiavenna. Insbesondere Alberto war mit dem kleinen Städtchen verbunden. Hier pflegte er Freundschaften und Chiavenna war für ihn das Tor nach Mailand.
Auf den Wiesen oberhalb von Stampa.

60 Orte, wo sich Inhalte verstecken

Hinzu kommt ein Themenweg, den man während einer Postautofahrt von St. Moritz ins Bergell erleben kann, quasi eine Schnellversion, um sich einen Überblick über den weitverzweigten «Giacometti Art Walk» zu verschaffen. Insgesamt sind in der App mehr als 60 Orte geomarkiert, hinter denen sich unterhaltsame Anekdoten, dokumentarische Kurzfilme oder Erläuterungen über das Leben und Werk der Giacomettis verstecken. Die multimedialen Inhalte sind jedoch nur an den Orten abrufbar, auf die sie sich beziehen.

Blick auf den Silsersee von Maloja aus.

Es klingelt in der Hosentasche

Ich befinde mich am Ufer des Silsersees, die Sonne scheint und ich geniesse einen herrlichen Ausblick auf den See und die umliegenden Berge. Als ich den Themenweg «Am Seeufer» starte, aktiviert sich die GPS-Funktion meines Telefons. Ich spaziere dem See entlang und auf einmal klingt es in meiner Hosentasche: Der erste Posten ist erreicht und auf meinem Telefon erscheint das Bild «Silsersee mit Corvatsch» von Giovanni Giacometti. Die Perspektive stimmt: Wo ich jetzt stehe, muss vor 90 Jahren der Maler vor seiner Staffelei gesessen haben. Mich beeindruckt die Farb- und Lichtkraft des Werks, das selbst auf dem kleinen Bildschirm Wirkung entfaltet.

Vor 90 Jahren malte hier Giovanni Giacometti.

Ich spaziere weiter und empfange als nächstes einen Kurzfilm, der sich mit Giovannis Studiergabe der Natur beschäftigt. Es ist wie bei einem Adventskalender: Sobald ein Türchen aufgeht, erhasche ich einen kleinen Einblick in die Welt der Giacomettis. Und das Beste: Ich befinde mich in herrlicher Natur und immer wieder laden lauschige Plätze zum Verweilen ein.

Keine Hinweistafeln

Auch andere Leute wandern auf dem Weg von Maloja nach Isola. Die meisten schauen mich komisch an, wenn ich mitten im Wald stehen bleibe, auf mein Telefon blicke und fotografiere. Ich bin hier wahrscheinlich der einzige «Giacometti Art Walker». Denn Hinweise, dass hier ein Themenweg durchgeht, fehlen.

Blick auf Capolago bei Maloja. Hier hatten die Giacomettis ein Sommerhaus.

Berühmte Gräber in Borgonovo

Am Nachmittag fahre ich nach Stampa hinunter. Die Strasse führt an der Kirche San Giorgio vorbei, wo die Giacomettis begraben liegen. Der berühmte Bildhauer Alberto (1901–1966) hat hier seine ewige Ruhe gefunden wie auch sein Bruder Diego (1902–1985), welcher Alberto nach Paris begleitete, dort sein wichtigster Mitarbeiter wurde und später als Designer Karriere machte. Giovanni Giacometti (1868–1933), der «Maler des Lichts» und Vater von Diego und Alberto, liegt ebenfalls hier. Und auch das Grab von Augusto Giacometti (1877–1947) ist hier zu finden. Augusto war ein Vetter 2. Grades von Giovanni Giacometti, er gilt als «Meister der Farben» und wurde für seine Glasmalerei und monumentale Wandmalerei berühmt.

Das Centro Giacometti in Stampa ist ein Informationszentrum zum Wirken der Künstlerfamilie Giacometti. Es hat auch die App «Giacometti Art Walk entwickelt».

Danach erreiche ich Stampa und es beginnt zu regnen. Ich flüchte in die Ciäsa Granda. Das stattliche Patrizierhaus ist ein Museum, wo man viel über das bäuerliche Leben, die Tierwelt und Geologie des Bergells erfahren kann. Im Museum sind aber auch einige Werke von Giovanni, Augusto und Alberto Giacometti ausgestellt. Das wertvollste Stück ist die Bronzestatute «Eli Lotar III» von Alberto Giacometti.

Auch im Museum Ciäsa Granda sind die Giacomettis präsent.

Das Atelier im Stall

Die Ciäsa Granda kümmert sich auch um das «Atelier Giacometti». Der Stall aus dem 18. Jahrhundert wurde 1906 von Giovanni Giacometti in ein Atelier umgebaut. Der Vater und sein Sohn Alberto benutzten dieses bis zu deren Lebensende. Im Atelier findet gerade eine Führung statt, die ich mir nicht entgehen lasse. Ich haste durch den Regen und erreiche den ganz in Holz gehaltenen und etwas schummrigen Raum. Spuren von Alberto sind vor allem an den Brandlöchern im Fussboden, er war ein starker Raucher, und Kritzeleien an den Wänden zu finden.

Das Giacometti-Atelier im Stall kann man besuchen. Auf der anderen Strassenseite liegt das Centro Giacometti.

Als ich wieder herauskomme, hat der Regen aufgehört und ich kann mit dem «Art Walk» beginnen. Ich erfahre, wie Alberto die junge Serviertochter des damaligen Restaurant Piz Duan bittet, für ihn Modell zu stehen. Wie Alberto mit seiner Frau Annette tagsüber eigenartige Spiele spielt. Oder wie sehr sich Augusto als Kind nach Regen sehnt, weil er dann malen konnte anstatt dem Vater beim Heuen zu helfen. Diese Anekdoten werden in Kurzfilmen nachgespielt. Mich beeindruckt, wie aufwändig die Filme produziert sind: mit professionellen Schauspielern und Erzählern, Kostümen und Requisiten, kinohafter Licht-und Kameraführung.

Den Weiler Coltura nicht auslassen

Weiter geht die digitale Spurensuche im Weiler Coltura etwas oberhalb von Stampa. Ich habe einige Höhenmeter zu absolvieren, die sich lohnen. Ein schöner Blick auf Stampa und das Bergell öffnet sich und in den beschaulichen Gassen von Coltura fühlt man sich wie in eine andere Zeit versetzt. Ich komme am beeindruckenden Palazzo Castelmur vorbei, eine weitere Sehenswürdigkeit des Bergells, laufe aber weiter zur Kirche San Pietro, wo ich erfahre, warum Augusto drei Anläufe brauchte, bis er ein passendes Sujet für sein Kirchengemälde fand. Betrachten kann ich das Gemälde jedoch nur am Telefon, die Kirchentüre ist geschlossen. Und auch mein Akku ist fast leer, weshalb ich hier meinen «Art Walk» beenden muss.

Stattliches Haus in Coltura.

Fazit

Die App funktioniert einwandfrei, die Inhalte sind spannend und sehr gut aufbereitet. Ein Problem ist, dass sich das Telefon schnell entlädt, da die eingeschaltete GPS-Funktion viel Strom verbraucht. Auch sollte man sich im Voraus über das Leben und Werk von Alberto, Giovanni und Augusto informieren, da die App keine zusammenhängende Geschichte erzählt.

Atelier von Giovanni und Alberto Giacometti (Foto: © Franco Furger) Brücke bei Stampa  (Foto: © Franco Furger)
Links: Links das Wohnhaus, rechts das Atelier von Giovanni und Alberto Giacometti / Rechts: Die Brücke bei Stampa war ein beliebtes Sujet für die Maler Giovanni und Augusto Giacometti.

Download: App «Giacometti Art Walk»

Franco Furger
Franco Furger

Franco Furger ist in Pontresina aufgewachsen. Als Profi-Snowboarder tourte er um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten und Texter ausbilden. Zurzeit arbeitet er als freischaffender Texter und Konzepter bei Cloud Connection in St. Moritz.




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