Graubünden Ferien Schweiz

Fotografiekurs in Pontresina

Auf der Jagd nach Steinböcken und dem guten Bild

Fotografieren lernen kann man dort am besten, wo einem die Natur die schönsten Motive liefert. Deshalb bietet die Klubschule Migros im Herbst im Oberengadin Kurse zu diesem Thema an. Zusammen mit anderen Amateur-Fotografen habe ich zwischen goldenen Lärchen und ersten Schneefeldern meine Kamera besser kennengelernt.

Von Thalia Wünsche

«Jedes Landschaftsbild ist ein Kompromiss» – mit diesem Satz begrüsst uns der Profifotograf Roland Hemmi bei der Vorstellungsrunde im Hotel Palü in Pontresina. Wir, das sind zehn Amateur-Fotografen im Alter zwischen dreissig und siebzig Jahren aus der ganzen Schweiz. Was uns verbindet? Wir wollen im Kurs «Engadiner Bergkönige fotografieren» der Klubschule Migros unsere Kamerakenntnisse vertiefen und die herbstliche Landschaft – und wenn wir Glück haben Wildtiere – in Bildern festhalten.

Kompromiss zum Ersten: Blende, Verschlusszeit und ISO

Natürlich lässt Roland Hemmi, unser Lehrer für die kommenden zwei Tage, diese Aussage nicht so stehen. Um sie zu erklären, verteilt er uns eine Karte – auf Neudeutsch ein Cheat-Sheet –, die den Einfluss der drei wichtigsten Faktoren auf das Bild, Blende, Verschlusszeit und ISO, erläutert. Wünschenswert für scharfe, nicht verrauschte Landschaftsbilder ist immer: geschlossene Blende, möglichst kurze Verschlusszeit und tiefer ISO-Wert. Da die drei Parameter aber alle im Verhältnis zueinander stehen, sind sie nicht frei wählbar. Deshalb der angesprochene Kompromiss.

Fotografiekurs in Pontresina (Foto: Thalia Wünsche) Fotografiekurs in Pontresina (Foto: Thalia Wünsche)

Die Uhrzeit des Fotografen: frühmorgens und spätabends

Nach dieser kurzen Theorielektion verabschiede ich mich ins Bett. Denn am nächsten Tag werden wir früh aufbrechen. Das Licht ist kurz nach Sonnenaufgang am schönsten, weshalb wir uns alle einverstanden erklärt haben, am Sonntag mit der ersten Gondel auf den Corvatsch zu fahren.

Von der Mittelstation der Bergbahn wandern wir Richtung Hahnensee. Wir kommen nur langsam voran, denn die Wälder und Wiesen erstrahlen in farbigen Herbsttönen und bieten viele Bildmotive. Als sich uns etwas weiter unten der Blick auf die Engadiner Seenplatte offenbart, packen auch die Letzten ihre Stative aus.

Eine gute Bildkomposition zu finden, fällt mir trotz schöner Landschaft schwer. Denn beim Blick durch den Sucher, sehe ich nur Durcheinander. Büsche, Gräser, Bäume, der See und die Berge im Hintergrund – im Gegensatz zur Stadt gibt es hier nicht viele klare Linien. Das macht es für mich schwierig, das Foto bewusst zu gestalten. Auf dem rund sechsstündigen Ausflug habe ich aber viel Zeit, dies zu üben. Und auf Fragen, sei es zu Kameraeinstellungen, Objektiven oder Filtern, weiss Fotografielehrer Roland Hemmi stets eine Antwort.

Bildbesprechung: aus den Fehlern lernen

Nach einer kurzen Pause treffen wir uns am Abend wieder, um unsere Bilder zu besprechen. Jeder hat dafür seine drei besten Fotos mitgebracht. Beim Betrachten stelle ich fest: Keines gleicht dem anderen, auch wenn wir alle auf denselben Wegen unterwegs waren. Die Kritiken vom Profifotografen sind stets konstruktiv. Es geht darum, was man gut gemacht hat und was man noch hätte besser machen können. Ich versuche, mir alles zu merken, damit ich am nächsten Tag nicht dieselben Fehler wiederhole.

Im Anschluss geht es einen Raum weiter zum Abendessen. Es erstaunt wenig: Auch dabei drehen sich die Gespräche ums Fotografieren. Wir reden über verschiedene Stative, Methoden der Datensicherung und Bildbearbeitungsprogramme.

Fotografiekurs in Pontresina (Foto: Thalia Wünsche) Fotografiekurs in Pontresina (Foto: Thalia Wünsche)

Alp Languard: auf Steinbock-Pirsch

Das Ziel des zweiten Tags des Fotokurses ist es, Steinböcke vor die Linse zu bekommen. Dem Tipp eines Wildhüters folgend, fahren wir von Pontresina auf die Alp Languard und wandern von dort zur Fuorcla Pischa. In den ersten Stunden lassen sich keine Tiere blicken und wir erinnern uns selbst daran, dass dies mit Wildtieren halt so ist. Um ihnen zu begegnen, braucht es immer auch eine ordentliche Portion Glück. Mich stört ihre Abwesenheit nur wenig, denn die Landschaft begeistert mich auch so – der schneebedeckte Piz Bernina, der leuchtend blaue Lej Languard.

Kurz vor dem Pass und unserem Ziel für die Mittagspause entdecken wir dann erste Tiere: Durchs Geröllfeld entlang des Wegs flitzen zwei Hermeline. Einer trägt noch das braune Sommerkleid. Der andere ist weiss. Er hat seine Fellfarbe schon dem ersten Schnee angepasst.

Die Suche nach Steinböcken, den Königen der Alpen, haben wir schon fast aufgegeben, als sich unser Glück wendet: Auf dem Rückweg zur Bergstation erspäht Roland Hemmi weit oben, auf dem Berggrat, erst ein Steinkitz, dann Steingeissen und am Ende sogar Steinböcke. Jetzt sind die schweren Teleobjektive mit grossen Brennweiten gefragt und wir sind froh, haben wir sie nicht umsonst den ganzen Tag auf dem Rücken getragen.

Kompromiss zum Zweiten: das Bartgeier-Foto

Unser erklärter Wunsch, Steinböcke zu fotografieren, wurde damit erfüllt. Kurz darauf kommt es aber noch besser: Während die meisten weiter fotografieren, gehen zwei andere Teilnehmerinnen und ich etwas vor. Dieser Entscheidung verdanken wir, dass wir einen Bartgeier, den grössten Vogel der Alpen, von ganz Nahem vor die Augen und die Linse bekommen. Vorbereitet bin ich darauf nicht: Auf meiner Kamera habe ich das falsche Objektiv montiert und Übung, fliegende Vögel zu fotografieren, habe ich keine. In den wenigen Minuten, als das Tier über und dann vor uns kreist, bleibt mir trotzdem nur eines: Ich gebe mein Bestes und hoffe, dass dabei etwas Brauchbares rauskommt.

Als ich am Abend zurück zu Hause bin und am Computer meine Aufnahmen anschaue, bleibe ich beim Bartgeier-Foto hängen. Es ist leicht verrauscht – hohes ISO sei Dank –, der Vogel ist aber scharf und klar erkennbar. «Jedes Bild ist ein Kompromiss», höre ich Roland Hemmi sagen. Für einmal bin ich mit diesem Kompromiss sehr zufrieden.

Unser Basislager: das Hotel Palü in Pontresina

Übernachtet haben wir während des Fotografiekurses der Klubschule Migros im Hotel Palü in Pontresina. Für unsere Ausflüge war es das perfekte Basislager. Die Zimmer sind modern und mit viel Arvenholz eingerichtet, das Frühstücksbuffet reichhaltig – am Sonntag gibt es Zopf – und das Personal herzlich. Besonders begeistert hat mich der Hamburger mit Hirschpfeffer in ihrem À-la-carte-Restaurant Crap da Fö.

Hotel Palü (Foto: Thalia Wünsche) Restaurant Crap da Fö (Foto: Thalia Wünsche)
Thalia Wünsche
Thalia Wünsche

Thalia liebt es, unbekannte Bündner Täler zu entdecken. Auf ihrem Blog berichtet sie über ihre Abenteuer in der Region und auf der ganzen Welt.

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