Graubünden Ferien Schweiz

Rhätische Bahn statt Aida

Auf Kreuzfahrt durch Graubünden

Eine Woche sind Bianca und Holger Rothe mit der Rhätischen Bahn auf Kreuzfahrt. Ihre Reise führt sie mit dem Bernina Express durch die Bündner Bergwelt in die Valposchiavo. Auf der UNESCO-Welterbe-Strecke der Rhätischen Bahn erleben sie Kunstbauten und Landschaften, die ihresgleichen suchen.

Von Luzi Bürkli & Marco Hartmann

Bianca und Holger Rothe sind Kreuzfahrt-Profis. Das Paar aus der Nähe von Stuttgart war schon mehrmals mit dem Schiff auf grosser Fahrt, so verschiedentlich im Mittelmeerraum und während ihrer Flitterwochen in der Karibik. Die letzte Kreuzfahrt führte vor zwei Jahren mit der AIDA vom kanadischen Montreal nach New York. Heute gehen Bianca und Holger Rothe bei der Rhätischen Bahn (RhB) an Bord – denn eine Kreuzfahrt ist nicht nur auf Wasser, sondern auch auf Schienen möglich.

Mit einem Gesamtstreckennetz von 384 Kilometern ist die RhB nicht nur die grösste Alpenbahn der Schweiz, sondern sie beeindruckt auch mit innovativen Kunstbauten und mutigen Linienführungen. Sie ist die eigentliche Lebensader im Gebirgskanton, zu der alle Bündnerinnen und Bündner eine enge Beziehung haben. Bald auch die beiden Kreuzfahrer aus Deutschland? Eine Woche RhB statt AIDA wird es zeigen.

Im Bernina Express haben die Fahrgäste freie Sicht auf den Morteratschgletscher. © Rhätische Bahn

Erster Halt: «Swiss Grand Canyon»

Ihr erster Ausflug mit der Rhätischen Bahn bringt Bianca und Holger in die Rheinschlucht, den «Swiss Grand Canyon». Mit dem offenen Erlebniszug geht es von Chur nach Valendas-Sagogn. Von dort wandern sie nach Versam (Details zur Wanderung) und haben dabei reichlich Zeit, eine der eindrucksvollsten Landschaften Graubündens gleich zu Beginn ihrer Reise kennenzulernen. Das Wetter stimmt an diesem Spätsommertag und eine Verpflegung für unterwegs ist eingepackt. «Wirklich imposant», sagt Holger, als sie den Weg unter die Füsse nehmen und dabei den Blick immer wieder nach oben, gegen die bis zu 350 Meter hohen Sandsteinfelsen, schweifen lassen.

Zurück in Chur sorgt das Romantik Hotel Stern für das Wohl der beiden Kreuzfahrt-Gäste. Bei einem 6-Gänge-Menu erleben Bianca und Holger die Spitzenqualität der Bündner Küche. So bleibt zu Beginn der Reise nur noch eine Frage offen: Verdankt der «Schiller» seinen Namen dem Umstand, dass der Wein so schön «durchschimmert», wie es tags zuvor am Rande einer Führung durch die Altstadt hiess, oder aber geht sein Name doch auf den bekannten deutschen Dichter zurück, der in Stuttgart – zum ganzen Stolz der Stadt – in jungen Jahre lebte?

Im Erlebniszug führt die Fahrt im offenen Aussichtswagen durch die Rheinschlucht. © Rhätische Bahn

Ein Krokodil am Bahnhof

Tags darauf tauchen Bianca und Holger nicht nach Fischen, aber in die Geschichte der RhB ein. Auf dem Programm steht das bekannteste Bauwerk und Wahrzeichen der Bündner Schmalspurbahn, das Landwasserviadukt bei Filisur. Am Bahnhof wartet bereits Hansjörg Caviezel, fachkundiger Guide im Dienste von Bergün Filisur Tourismus und des Bahnmuseums Albula in Bergün/Bravuogn, auf sie.

Bianca und Holger haben Glück. Während Hansjörg Caviezel den Bahnknotenpunkt im oberen Albulatal den beiden Gästen vorstellt, steht ein Zug mit einem «Krokodil» zur Abfahrt bereit. Zweimal am Tag verkehrt die historische Zugskomposition auf der Strecke Davos – Filisur. Kurz darauf legt auch noch der Bernina Express einen Halt ein, der Paradezug der Rhätischen Bahn macht in Filisur Pause. Hansjörg Caviezel kann sich eine schelmische Bemerkung nicht verkneifen: «Das hebt natürlich das Selbstwertgefühl der Filisurer.»

Auf der knapp 20-minütigen, leichten Wanderung zur nördlichen Aussichtsplattform über das Landwasserviadukt erfahren die Gäste Interessantes aus der Bauzeit der Albulalinie und über das 2009 renovierte Landwasserviadukt. So ist die RhB die dritte Eisenbahn weltweit, die mit ihrer Albula-Bernina-Linie seit 2008 Teil des UNESCO-Welterbes ist. 122 Kilometer lang ist die Strecke von Thusis nach Tirano in Italien. Dabei werden 196 Brücken überquert und 55 Tunnels passiert. Die maximale Steigung beträgt 70 Promille.

Krokodil in Filisur Bernina Express in Filisur
Am Bahnknotenpunkt Filisur begegnen sich auch auf Schienen Generationen.

Der Mann, der Züge am Geräusch erkennt

Bei solch eindrücklichen Zahlen gehen die Gedanken auf Reisen, da werden die Ausführungen des Guides jäh durch ein Rattern in der Ferne unterbrochen. «Jetzt kommt ein Güterzug», sagt Hansjörg Caviezel bestimmt. «Das erkennen Sie am Geräusch?», fragt Bianca erstaunt. «Nein, ich habe ihn zuvor gesehen», gibt er ihr zur Antwort. Lautes Gelächter.

Von der Aussichtsplattform aus ist weit unten im Talboden das kleine, rote «Tschuu-tschuu-Bähnli» zu erkennen, welches die RhB neuerdings für den Gästetransport zum Viadukt ab Bahnhof Filisur einsetzt. Vom Talboden aus ragen die Bruchsteinpfeiler des Viadukts 65 Meter steil in die Höhe. Langsam biegt ein roter Allegra-Triebzug in die leichte Kurve des Viadukts ein, sämtliche Smartphones sind gezückt, kurz darauf wird der Zug von der Bergwand verschluckt.

Das Landwasserviadukt bei Filisur ist das Wahrzeichen der Rhätischen Bahn und weltweit bekannt.

Ein Abstecher zum Lai da Palpuogna

Den darauffolgenden Tag verbringen Bianca und Holger in der Gegend. Nach einer erholsamen Nacht im Kurhaus Bergün statten sie dem Bahnmuseum Albula, direkt am Bahnhof Bergün/Bravuogn gelegen, einen Besuch ab. «Ist nett gemacht; für die ganze Familie», meint Bianca. Längst nicht nur für Eisenbahnfans lohnt sich ein Besuch, ist die Geschichte der RhB doch auch eine Geschichte von Pionieren und ihren Abenteuern, indem sie beim Bau der Bahn ab 1889 nicht nur Schluchten und Täler überwanden, sondern auch Fels und Gestein bezwangen.

Ab der Bahnstation Preda folgt ein rund 45-minütiger Fussmarsch zum Lai da Palpuogna. Der etwas steile Aufstieg zu Beginn des Waldpfades überrascht die beiden. «Aber wir würden uns auch nicht gerade als Berggänger bezeichnen», scherzt Bianca. Am Ziel angekommen werden sie mit der Sicht auf einen dunkelblauen Bergsee umgeben von Lärchen belohnt. Ruhe und Stille kehren ein. Nur schade, dass sie es verpasst hätten, beim Bauernhof Würste zu kaufen, sagt Bianca. Die Feuerstellen und das bereitgelegte Holz laden geradezu zu einem Grillplausch am Ufer ein.

Lai da Palpuogna oberhalb von Preda Bianca und Holger Rothe beim Lai da Palpuogna
Der Lai da Palpuogna bietet eine willkommene Auszeit, bevor es für Bianca und Holger auf ihrer «Kreuzfahrt»-Reise durch Graubünden weitergeht.

Eine Bahnfahrt wie auf einem Karussell

Bianca und Holger nehmen am nächsten Tag für die Weiterfahrt Richtung Alp Grüm selbst im Bernina Express Platz. Durch die extragrossen Fenster des Panoramazugs geniessen sie eine einmalige Aussicht, dabei lehnen sie sich bequem in den noblen, schwarzen Ledersesseln der 1. Klasse zurück und gönnen sich einen «Grischa Secco». Viva!

Allein die kurze Reise von Bergün/Bravuogn nach Preda ist eine Kreuzfahrt mit der RhB wert. Beim Aufstieg zum Albulatunnel schlängelt sich die Bahn zwischen den Bergflanken hoch und wechselt dabei viermal die Talseite – ein Erlebnis, wie auf einem Karussell. In den Kehrtunnels und ganz ohne Zahnrad bewältigt die Bahn so eine Steigung von 35 Promille.

Auf der anderen Seite des Passes, in der Val Bever, erschleicht einen ein erstes Gefühl des Herbstes – oder war es einfach nur wieder dieses einmalige Engadiner Licht? «Schau, du siehst jeden Stein», sagt Bianca zu Holger, als der Zug geradeaus gegen Bever zusteuert. Die Klarheit des Wassers im Bergbach Beverin überrascht die Deutsche, die erstmals die Schweiz besucht, aufs Neue. «Fantastisch!»

Von Bergün/Bravuogn Richtung Preda wechselt die Bahn mehrmals die Talseite.

Auf dem Dach der RhB

Vorbei am Morteratschgletscher bei Pontresina erklimmt die Bahn ihren höchsten Punkt. Der Bahnhof Ospizio Bernina ist mit 2253 m ü. M. die höchstgelegene Bahnstation in Graubünden. Bianca und Holger haben «das Dach der Rhätischen Bahn» erreicht. Türkisblau leuchtet das Wasser des Lago Bianco. Wenig später wird es aber stockdunkel. Bianca und Holger sitzen in der «Camera Obscura». Im obersten Geschoss eines Werksilos wurde 2019 eine Dunkelkammer eingerichtet, in der die Bernina-Passhöhe ganz neu erlebt werden kann.

Die nächste Nacht verbringen die Kreuzfahrt-Gäste im Albergo Ristorante Alp Grüm. Auf der Terrasse sitzend, schwärmt Holger von der Unterkunft. Ihr Eckzimmer bietet in die eine Richtung einen Ausblick in die Valposchiavo und in die andere Richtung auf den Palü-Gletscher. «Und unter der Dusche sehe ich durchs Fenster die ankommenden Züge.» Es scheint, als sei das Feuer für die Rhätische Bahn auch bei ihm entfacht.

Ein Höhepunkt der Reise mit dem Bernina Express ist der Lago Bianco mit seinem türkisblauen Wasser.

Südalpines Flair in der Valposchiavo

Am nächsten Tag geht die Reise mit der Bahn von der Alp Grüm auf 2091 m ü. M. steil hinunter in die Valposchiavo. Ab Passhöhe werden fast 2000 Höhenmeter überwunden; Campocologno an der Grenze zu Italien liegt auf 553 m ü. M. Dabei beträgt die Luftlinie zum Bernina-Massiv mit seinen Gletschern nur 25 Kilometer.

Bianca und Holger lassen das südalpine Flair in Poschiavo auf sich einwirken, hören zum ersten Mal «Pus'ciavin», den italienischen Dialekt der Einheimischen, und erfahren auf einer Führung durchs Dorf unter anderem, was es mit den Palazzi am ehemals südlichen Dorfrand auf sich hat. Die Erklärung: Ehemals ausgewanderte Zuckerbäcker, die im Ausland Reichtum erlangten, liessen nach ihrer Rückkehr in Poschiavo herrschaftliche Villen errichten.

Eine Mondscheinfahrt mit der «Sassalbo» über den Lago di Poschiavo bringt die beiden Kreuzfahrer schliesslich doch noch aufs Wasser. Bianca und Holger geniessen eine herrliche Rundsicht auf die Puschlaver Bergwelt. Als über das direkt am Ufer gelegene Bahntrassee ein RhB-Zug fährt, grüssen sich Schiff und Bahn per Horn und Pfeife.

Nach dem Berninapass öffnet sich der Blick Richtung Valposchiavo bis nach Italien.

100 % einheimisch

Als kulinarischer Höhepunkt folgt tags darauf ein gemeinsames Pizzoccherikochen mit Ornella Isepponi des Ristorante Motrice in Poschiavo. Pizzoccheri, mit Buchweizenmehl hergestellte Teigwaren, sind «100 % Valposchiavo». Das heisst, dass ausschliesslich Zutaten aus der Region verwendet werden. Oft begegnet einem dieses Label in der Valposchiavo – ein Zeichen dafür, wie einheimische Produzenten und Anbieter stark miteinander verknüpft sind. Zum Dessert wird ein Kräuter-Sorbet gereicht.

Bianca und Holger kommen aus dem Schwärmen nicht heraus: «Welch wahnsinnstolle Ferien-Woche», sagt Holger. Zuhause würden sie all die vielen Eindrücke und Erlebnisse erst einmal verarbeiten müssen. Und wer weiss? Vielleicht hören die beiden auch auf einer ihrer nächsten Kreuzfahrten die Durchsage: «Allegra, das Zugteam der Rhätischen Bahn begrüsst sie im ...»

Luzi Bürkli & Marco Hartmann
Luzi Bürkli & Marco Hartmann

Luzi Bürkli und Marco Hartmann sind mit Stift und Kamera bepackt für Graubünden Ferien unterwegs und berichten über spannende Erlebnisse von Feriengästen und neue Abenteuer in Graubünden.

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