Graubünden Ferien Schweiz

Mit der RhB auf Führerstandsmitfahrt

Ein Traum wird wahr

Welcher kleine und grosse Eisenbahnfan träumt nicht davon, einmal eine Führerstandsmitfahrt vorne auf der Lok zu erleben? Und dann noch auf einer der schönsten Strecken der Rhätischen Bahn (RhB), nämlich der Albulalinie von Chur nach St. Moritz! Für Christian Ruch hat sich dieser Traum erfüllt.

Von Christian Ruch

Der Bündner Sommer gibt an diesem wunderschönen Septembermorgen nochmal alles, als ich mich am Bahnhof Chur einfinde, um vorne auf einer Lok der Baureihe Ge 4/4 III, der modernsten der RhB, nach St. Moritz zu fahren. Am Haken der Interregio 1129, der gemäss Fahrplan genau zwei Stunden bis ins Oberengadin braucht. «Mein» Lokführer ist Andreas Rüedi, ein Eisenbahner alter Schule, arbeitet er doch schon 44 Jahre bei der RhB. Die Albulalinie ist eine seiner Lieblingsstrecken, aber eigentlich fährt er überall gern.

Der Zug sei heute 217 Meter und damit besonders lang, was bedeute, dass er nur maximal 80 statt 90 Stundenkilometer fahren dürfe, erklärt mir Andreas Rüedi. Die Abschnitte, auf denen er so schnell unterwegs sein darf, sind auf der Gebirgsstrecke mit ihren zahllosen schmalen Kurven aber ohnehin selten. Als der Zug aus dem Bahnhof Chur rollt, bremst Rüedi den Zug kurz nochmals leicht ab, um sicherzugehen, dass die Bremsen auch wirklich funktionieren. Als er das überprüft hat, beschleunigt er.

Hinter Reichenau-Tamins, wo die Linie nach Disentis/Mustér abzweigt, ändert sich die vorgegebene Geschwindigkeit ständig, so dass volle Konzentration gefragt ist. Ausserdem ertönt jetzt plötzlich der Notruf aus einer der Zugtoiletten. Doch das bringt Andreas Rüedi nicht aus der Ruhe: «Der Kondukteur wird nachschauen, warum der Alarm losging, meistens hat ein Fahrgast nur den falschen Knopf gedrückt. Ich kann ja jetzt nicht den Zug anhalten, nur um nachzusehen, was los ist», meint Rüedi lachend. Und tatsächlich ist nichts Dramatisches passiert.

Jogger und Wild

So harmlos ist der Lokführeralltag nicht immer. «Einmal wurde es kurz vor Feierabend brenzlig, weil mich ein Jogger mit Kopfhörern auf den Ohren nicht gehört hat», erzählt Rüedi. Und dann ist in den Bündner Bergen natürlich immer viel Wild unterwegs, ab und zu auch auf den Gleisen. «Dann muss ich sofort die Frontlampen der Lok ausschalten, weil das Wild wegen des Lichts sonst nicht flieht, sondern regungslos im Gleisbereich verharrt.» Hinzu kommen schwierige Witterungsverhältnisse wie etwa starker Schneefall.

Das aber ist für Andreas Rüedi nicht einmal die unangenehmste Situation. «Ich mag es nicht, wenn es lange trocken war und dann regnet, denn dann wird der Staub auf den Schienen zu Schmierseife und der Zug rutscht.» Doch an einem solchen Prachttag wie jetzt ist es trotz aller Routine für den Lokführer geradezu ein Genuss, einen Zug ins Engadin zu bringen.

Leise läuft auch hier vorne im Führerstand die Ansage, die den Fahrgästen nach Thusis die Höhepunkte der Strecke erläutert, zählt sie doch seit 2008 zum Welterbe der Unesco. Für die RhB ist dieses Label Ehre und Verpflichtung zugleich, denn wenn sie an der Strecke bauliche Massnahmen vornimmt, müssen sie den Vorgaben der Unesco entsprechen. Und Baustellen hat es in diesem Spätsommer einige, immer wieder muss Andreas Rüedi die Geschwindigkeit reduzieren. Der verantwortliche Streckenposten bei den Bauarbeitern und Rüedi winken sich zu, was nicht nur eine freundliche Geste ist, sondern signalisieren soll, dass man sich gegenseitig gesehen hat.

Baustelle an der Albulalinie

Vor Filisur bremst der Lokführer den Zug erneut etwas ab, denn nun rollt er über den Landwasserviadukt, und das wollen viele Fahrgäste natürlich auf Film und Foto festhalten. Im Bahnhof Filisur dann gleich das nächste Fotosujet: die historische Lok Ge 6/6 I aus dem Jahre 1929, wegen ihrer Form besser als «Krokodil» bekannt. Sie zieht im Sommer täglich verkehrende Nostalgie-Züge von Filisur nach Davos und wieder zurück.

Landwasserviadukt Nostalgiezug

Doch der Fahrplan kennt keine Gnade: Schon geht es weiter, durch den ersten Kehrtunnel schraubt sich unser Zug in die Höhe, dann an schroffen Felswänden entlang und durch sie hindurch Richtung Bergün. Dahinter folgen weitere Kehrtunnel, die aus der Bahnfahrt ein Verwirrspiel machen, mal sieht man die Strecke weiter oben, mal weiter unten. Durch den Albulatunnel und die malerische Val Bever erreichen wir schliesslich das Engadin. In Samedan wird Andreas Rüedi von seinem jüngeren Kollegen Peter Adank abgelöst, der die letzten Kilometer nach St. Moritz übernimmt. Viel zu schnell sind die zwei Stunden vergangen. Voller Eindrücke klettere ich aus der Lok. Und bin noch ein bisschen verliebter in die RhB als zuvor.

Christian Ruch
Christian Ruch

Christian Ruch ist Historiker, Soziologe und Journalist. Er lebt in Chur.

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