Graubünden Ferien Schweiz

Wildbeobachtung im Schweizerischen Nationalpark

Zuhause bei Hirsch, Gams, Steinbock und Murmeltier

Die Val Trupchun im Schweizer Nationalpark gilt als Eldorado für Tierbeobachter. Ein Besuch in dieser spektakulären Natur oberhalb von S-chanf hat aufgezeigt, dass diese superlative Bezeichnung keineswegs zu hoch gegriffen ist.

Von Franco Brunner

Die leicht verschneiten Berggipfel blinzeln langsam gemeinsam mit der aufgehenden Sonne durch den Morgennebel hervor. Eine Kuhherde liegt gemütlich auf der Wiese und startet – begleitet vom gelegentlichen Glockengebimmel – reichlich entspannt in den Tag. Es ist kalt, der Parkplatz noch leer. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen.

Wenn die Stimmung bereits hier draussen, noch vor dem eigentlichen Eingang zum Schweizer Nationalpark, derart intensiv, einzigartig, entspannend, glücklich machend – kurzum schlicht wunderbar – ist, wie wird es dann erst drinnen, innerhalb der Parkgrenzen sein? Denn da soll es heute, an diesem herbstlichen Montagmorgen, hingehen. Genauer gesagt hinein in die Val Trupchun, dem «Eldorado für Tierbeobachter», wie es öffentlichkeitswirksam angepriesen wird.

Eindrückliches Naturschauspiel

Mit dabei auf der frühmorgendlichen Park-Wanderung ist Not Armon Willy, seit rund 20 Jahren einer der insgesamt acht Nationalparkwächter. Und tatsächlich. Lange dauert es nicht, bis Willys geschultes Auge die erste Hirschherde sichtet. Zwei Hirschkühe lassen sich gemeinsam mit ihren Kälbern auf einer Lichtung auf der gegenüberliegenden Talseite blicken. Entdeckt haben sie die Besucher schon längst, stören lassen sie sich deshalb jedoch nicht. Ein schöner Anblick. Nur ein paar Meter weiter schaut ein Gamsbock neugierig hinter einem Baum hervor. Den Feldstecher benötigt man nicht, um ihn zu beobachten, so nahe ist er. Und dort, zwei Steinböcke kraxeln gekonnt und scheinbar spielend leicht die steile Felswand empor. Kaum all diese Naturschauspiele verarbeitet, entdeckt Willy auf der anderen Seite des Wildbaches Ova da Trupchun bereits die nächste imposante Hirschkuh. Keine 100 Meter entfernt, wie der Parkwächter den ungläubigen Blick des Parkneulings bestätigt. Noch keine Stunde im Nationalpark unterwegs hat dieser Neuling bereits mehr Wildtier gesehen, als in den vergangenen fünf Jahren zusammengerechnet. 

Gämse im Schweizerischen Nationalpark Steinböcke im Schweizerischen Nationalpark

Es sei eben schon von Vorteil, wenn man bereits frühmorgens unterwegs sei, erklärt Willy bei der Wanderung weiter in die Val Trupchun hinein. Zu solch frühen Zeiten seien die Tiere eben noch viel weiter unten im Tal anzutreffen als zu späteren Tageszeiten. «Da lohnt sich das frühe Aufstehen schon», sagt der Parkwächter lächelnd. Wie Recht er hat. Und zwar nicht nur wegen den schier unzähligen Wildtiersichtungen oder dem eindrücklichen Röhren der Hirsch-Stiere, das während der Brunftzeit immer wieder zu vernehmen ist. Schon alleine die atemberaubende Naturschönheit, die sich um diese Uhrzeit wohl von ihrer magischsten Seite zeigt, verzaubert.

Zur rechten Zeit am rechten Ort

«Ja, ja, es ist schon noch schön hier, nicht wahr?» Die Frage von Parkwächter Willy ist natürlich höchst rhetorisch. Der Begriff «schön» wird diesem Flecken Erde in keiner Weise gerecht. Ein Flecken Erde, der seit nunmehr bald 20 Jahren Willys Arbeitsplatz ist. Er sei auf dieselbe Art und Weise Parkwächter geworden, wie er sich vorstelle, dass man Bundesrat werde. «Ich war einfach zur rechten Zeit am rechten Ort», sagt er lachend. Er habe sich auf eine Stellenausschreibung beworben und dann tatsächlich das Glück gehabt, diese Stelle auch zu bekommen. So ist der zweifache Familienvater nun einer von insgesamt acht Nationalparkwächtern. Der einzige übrigens, der keine handwerkliche Ausbildung habe, wie der gelernte kaufmännische Angestellte lachend ergänzt. Einer müsse ja schliesslich all die Rapporte schreiben.

Kaufmännische Vergangenheit hin oder her. Die Hauptaufgaben sind für Willy genau die gleichen wie für seine Kollegen. Dazu gehört neben der Aufsicht auch noch die Erfassung von Pflanzen und Tieren sowie der Unterhalt des rund 80 Kilometer langen Wegenetzes des Nationalparks. Diesbezüglich hätten sie hier in der Val Trupchun jüngst gerade etwas viel Arbeit gehabt, erklärt Willy. Denn nach dem Geröllniedergang Ende Juli hätten sowohl die Wege als auch die beschädigten Brücken wieder instand gestellt werden müssen.

Ein Zwölfer zum Abschluss

Noch in bester Verfassung ist derweil der offizielle Rastplatz bei der Alp Trupchun auf 2040 Meter über Meer. Hier angekommen packt Parkwächter Willy schweres Geschütz aus. Er stellt ein Stativ inklusive Fernrohr auf und sucht damit kurz den gegenüberliegenden Hang ab. «Hier, schau mal», sagt er alsbald. Eine Gruppe von vier imposanten Hirsch-Stieren hat Willy ausfindig gemacht. «Zwei davon sind Zwölfer», sagt der Experte bezugnehmend auf die Geweihgrösse der Tiere.

Val Trupchun im Schweizerischen Nationalpark Val Trupchun im Schweizerischen Nationalpark

Stativ wieder eingepackt, lädt Willy noch zu einem wärmenden Kaffee in die Hütte der Alp Trupchun. Eine Hütte, die nur Parkwächter und Forscher benutzen dürfen. Gestärkt und gewärmt geht es dann wieder in Richtung Parkausgang. Mittlerweile sind nicht nur die Murmeltiere aufgewacht, sondern auch zahlreiche andere Parkwanderer unterwegs. Die meisten von ihnen schauen beim Kreuzen auf dem Wanderweg Willy in seiner angeschriebenen Parkwächteruniform fast schon ehrfürchtig an. 

Val Trupchun im Schweizerischen Nationalpark Val Trupchun im Schweizerischen Nationalpark

Nach ein, zwei Zwischenstopps und kurzen Gesprächen mit den Wanderern, ist man wieder am Ausgangspunkt angekommen. Die Kühe auf der Wiese sind mittlerweile aufgestanden, die Sonne hat die morgendliche Kälte vertrieben und der Parkplatz ist voll. Er möge seinen Beruf sehr und bereue es keine Sekunde, das Büro mit der Natur als Arbeitsplatz getauscht zu haben, sagt Not Armon Willy bei der Verabschiedung. Nach dieser kleinen Herbstwanderung kann man den sympathischen Nationalparkwächter nur all zu gut verstehen.

Franco Brunner
Franco Brunner

Franco lebt in Domat/Ems, fühlt sich aber überall in Graubünden zuhause.

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