Bewegte Geschichte eines Bergdorfes.

Auf der Sonnenterrasse in Viano

Das Dorf Viano im Valposchiavo
Viano gehört zu den schönsten Bergdörfern Graubündens  (siehe Abstimmung). Das milde Klima und die sonnige Lage, die unberührte Natur und ausgezeichnetes Essen machen das Bergdorf in der Valposchiavo zu einem attraktiven Ausflugsziel. Der Ort hat eine lange und bewegte Geschichte.

Von Luciano Pedrazzi (Text) und Selena Raselli (Fotos)

Viano dürfte selbst vielen Bündnerinnen und Bündnern nicht bekannt sein. Auf 1282 m ü. M. im äussersten Süden der Valposchiavo in der Gemeinde Brusio gelegen, ist das charmante Bergdorf Ausgangspunkt für Wanderungen oder für Touren mit dem Bike. Dabei begeben sich die Gäste auf alte Pfade: Nachforschungen bestätigen, dass dieser besondere Ort schon zur Zeit des Römischen Reichs bestand, noch bevor das Tal besiedelt wurde.

Aussicht vom Bergdorf Viano auf das Valposchiavo

Alte Verkehrswege aus dem Veltlin

Die wichtigsten Verkehrswege verliefen früher auf der linken Seite der Valposchiavo. Das alte Kloster «I Monas» und die kleine Kirche San Romerio säumen die Route, die einst vom Veltlin über Roncaiola nach Poschiavo führte und über den Berninapass mit der anderen wichtigen Verbindungsstrasse aus dem Bergell (Malojapass) verbunden war. Sie setzte sich dann mit der Giulia (Julierpass) fort.

In Viano trägt noch heute eine Häusergruppe den Namen «Ruman» (Romani), eine andere – heute verlassen und zerfallen – den Namen «Belun» / «Bellona», nach der Kriegsgöttin der Römer benannt. Mit Brusio auf 750 m ü. M. war Viano seit alten Zeiten durch einen steilen, an Windungen reichen Fussweg verbunden. Bis 1848 trugen die Vianeser ihre Verstorbenen auf den «Gottesacker» von Brusio hinunter. Eine Vorstellung der Mühsal eines solchen Transportes, namentlich im Winter, kann sich nur der machen, der den Weg gekannt hat. Im Jahr 1848 erstellten die Vianeser einen eigenen Friedhof.

Die Einwohner von Viano betrieben Feldbau. Die Bauern, oft waren es Grossfamilien, hatten nur wenig Land, auf dem zur Hauptsache Kartoffeln und Weizen angebaut wurden. Wiesen zur Heuernte gab es kaum. Im Sommer zogen die Familien hoch in die Berge, wo sie das Gras bis hinauf zu den steilsten Hängen am Fusse des Berges mähten. Einige Kühe lieferten Milch für den Eigenbedarf und für die Käseproduktion. Die Schweine wurden über das ganze Jahr gemästet, um dann im Winter geschlachtet zu werden. 1962 wurde die «Casa Sociale» (eine Art Gemeinschaftshaus) gegründet. Hier befanden sich nicht nur der Schlachthof zur Fleischverarbeitung und die Kühlräume, sondern auch ein Backhaus und eine kleine Erste-Hilfe-Station für alle, dazu noch eine kleine Mietwohnung.

Kirchenturm im Bergdorf Viano

Ein verheerender Dorfbrand

Es waren arme und glücklose Menschen. Am 19. Dezember 1883 brannte das Dorf fast vollständig nieder. Die Kirche und zwei Häuser mit ihren mit Steinplatten gedeckten Dächern blieben jedoch unversehrt. Niemand wurde verletzt. In jenen fernen Zeiten um das Jahr 1880 lebten einige Familien das ganze Jahr über in der Gegend von Forba, Romani sowie Zavena. Die Dorfbewohner zog es in diese Gebiete, da sie von dem verheerenden Feuer verschont geblieben waren. Die Menschen im Tal halfen den von dem Feuer betroffenen Familien aus Viano, wo es nur ging. Mehr als 150 Menschen lebten zu jener Zeit in Viano.

In den Jahren um 1890 wanderten viele Einheimische auf der Suche nach Arbeit aus. Die Menschen zog es nach Australien, Kanada, Argentinien. Ihr Schicksal ist bekannt. Nur wenige haben ihr Glück gefunden. Viele sind nie zurückgekehrt.

Im Dorfkern des Bergdorfes Viano

Vom Schmuggel profitiert

Zwischen den beiden Weltkriegen wurde die Verbindungsstrasse zwischen Brusio und Viano gebaut, die heute noch existiert.  Es folgten die Elektrifizierung, ein Telefonanschluss und erste Güterzusammenlegungen. Während des Zweiten Weltkriegs und in den darauffolgenden Jahren breitete sich in Viano der Schmuggel infolge der Gegebenheiten jener Zeit stark aus. Nicht mehr nur Bauern, sondern auch Händler, Gastronomen, Transporteure, um nur einige zu nennen, zogen hieraus Gewinn, um das kleine Dorf am Leben zu erhalten. Allein beim Zoll lebten und arbeiteten als Grenzschutz mehr als 20 Angestellte (Zollbedienstete, Grenzwächter und Armeesoldaten). Auch wenn die Menschen arm waren, fehlte es ihnen auch während der Kriegszeiten nie an der nötigen Nahrung. Neben den Früchten der Erde gab es im Grenzgebiet einen vielfältigen Austausch von Lebensmitteln oder lebensnotwendigen Produkten, wie Zucker, Salz, Kaffee usw.

Nach dem Krieg fanden viele junge Leute Arbeit auf grossen Baustellen (z. B. von den verschiedenen Schweizer Staudämmen und Wasserkraftwerken) oder in Fabriken, wie Escher Wyss oder Brown Boveri. Viele kehrten über kurz oder lang zurück, andere gründeten Familien in verschiedenen Städten der Schweiz, insbesondere in der deutschen Schweiz, hielten aber stets Kontakt zu den in Viano gebliebenen Verwandten. Einige erlangten – oft durch Erbschaften – Eigentum an Häusern oder Grundstücken, die dann während der Ferienzeiten genutzt wurden. Nur wenige Menschen kehrten für ihre letzten Lebensjahre an den Ort ihrer Geburt zurück und fanden dort ihre letzte Ruhe.

Schmale Gassen im Bergdorf Viano

Früher ein Lehrer für alle Klassen

In Übereinstimmung mit der demographischen Entwicklung der Valposchiavo ist im Laufe der Jahre auch die Einwohnerzahl von Viano zurückgegangen. 1995 wurde die Schule geschlossen. Viele Jahre lang war sie von dem Lehrer Bernardo Bottoni geleitet worden, der die ersten sechs Grundschulklassen alleine betreut hatte. Es folgte 2001 die Schliessung des Postamtes. Die Aktivitäten des Zollamtes wurden bereits 1993 eingestellt und das Amt nach Campocologno verlegt.

Heute leben 60 Personen in Viano. Immer noch gibt es junge Bauernfamilien im Dorf. Einige Menschen haben Arbeit im Tal gefunden. Die Schulkinder besuchen die Grundschule in Brusio, die Sekundarschule befindet sich in Poschiavo. Die Strasse ins Tal, die Viano mit dem Rest der Welt verbindet, wird in den kommenden Jahren umfassend erneuert werden. Künftig wird Viano noch leichter zu erreichen sein als heute. Eine gute Gelegenheit, diesen idyllischen wie geschichtsträchtigen Ort kennenzulernen. Ein Gastronomiebetrieb bietet Verpflegung und Unterkunft an, auch auf dem Bauernhof kann übernachtet werden, und auf der Alp San Romerio sind die Träume dem Himmel ganz nah.

Menu im Rifugio Alpe San Romerio

Gastfreundschaft.

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San Romerio (Photo: © Christiane Setz & Moritz Müller)
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Erlebnisbericht

Unterwegs im Süden.

Kurztrip in die Valposchiavo

Wer Graubünden erleben möchte, hat die Qual der Wahl. Die beiden Blogger Christiane Setz und Moritz Müller haben sich für die italienisch angehauchte Variante entschieden.

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