Im beschwingten Tal.

Sertig Dörfli: Wo sich Rummel und Ruhe treffen

Blick ins Sertig «hinter den Eggen» mit Mittagshorn, Plattenflue und Hoch Ducan. (Foto: © Jano Felice Pajarola)
Wirklich einsam ist man im Sertigtal selten. Trotz ihrer Abgeschiedenheit gehört die pittoreske Landschaft «Hinter den Eggen» zu den beliebtesten Ausflugs- und Wanderzielen in Davos, der kleine Ort mit dem Kirchlein zu den schönsten Bündner Bergdörfern. Und wenn im Sommer der Sertigschwinget ansteht, wird das Tal gar für einen Tag zum Mekka des Schweizer Nationalsports. Vier Begegnungen rund ums Dörfli.

Von Jano Felice Pajarola

Der eine kommt, weil er ein «Böser» ist. Das ist Christian. Die andere, damit sie sich ums Kirchlein kümmern kann. Das ist Annemarie. Jürg kommt, weil es sein Beruf ist. Und Nina kommt nicht, sie ist schon da. Sie ist die Erste, die mich an diesem Morgen im Davoser Sertigtal begrüsst, mit einem heissen Kaffee und einem freundlichen Lächeln. Noch hat das früheste Postauto nicht Halt gemacht vor dem Restaurant «Bergführer» im Dörfli, um den ersten Schwarm Wander- und Spazierwillige zu entlassen. Bis auf ein paar versprengte Mountainbikerinnen und Stromvelotreter auf der Sertigerstrasse und das Plätschern des Dorfbrunnens ist es ruhig um die wenigen Häuser, das Kirchlein liegt noch im Schatten, die Rinder auf der Weide sind so träge, dass kaum eine Glocke bimmelt. «Ich geniesse diese Ruhe am Morgen, wenn noch niemand da ist», meint Nina schmunzelnd. Nina Eyer: In den letzten Jahren hat sie Schritt für Schritt die Leitung des «Bergführers» übernommen, dieses jahrhundertealten Gasthauses, das den Eltern ihres Lebenspartners gehört. Gerade mal eine Handvoll Personen lebt noch zu allen vier Jahreszeiten in Sertig Dörfli, unter ihnen Nina. Ausgerechnet eine, die in Ried-Brig aufgewachsen ist, 150 Kilometer Luftlinie oder viereinhalb Stunden Autofahrt entfernt.

Ich war einfach sprachlos. Hin und weg.

Nina Eyer Köchin

Nina Eyer ist die Chefin im «Bergführer» – auch am Herd (Foto: © Jano Felice Pajarola)

«Die Leute fragen mich oft: Wie kommt eine Walliserin ins Sertig?», erzählt sie. «Manchmal sage ich dann einfach, naja, zuerst über den Furka- und dann über den Oberalppass», sie lacht. Im Ernst: Dass sie aus dem Wallis weggehen wollte, war für sie immer klar. Nach der Kochlehre in einem Briger Altersheim wechselte sie ins Tessin, «an die Wärme, an einen See», arbeitete in einem Gourmetrestaurant in Ascona. Doch wo sollte sie nach dem Sommer hin? Die Wahl fiel auf Davos, den noblen «Seehof» – und nach dem ersten Winter lernte sie Architekt Nando kennen, den Sohn des «Bergführer»-Eigentümerpaars Gerda und Hans Fopp. «Nando hat mich dann mal zum Zmittag ins Sertig mitgenommen. Ohne etwas vom Restaurant seiner Eltern zu verraten. Und ich war einfach sprachlos, als wir hier waren. Hin und weg.» Das Dörfli: Wer würde hier nicht arbeiten wollen?, dachte Nina. Und so fanden sie und das Gasthaus zusammen. Kochen muss Spass machen, Essen auch, das ist ihr Credo, wie aus Grossmutters Töpfen soll es sein, «aber geil zubereitet, mit Power gewürzt». 14 Leute sind heute im «Bergführer» tätig, die Walliserin hat das Restaurant zum Jahresbetrieb gemacht – welche Saison auch sein mag, im Sertigtal gibt es immerzu Wander- und Spazierwillige, Bikerinnen und Trailrunner, die zwischendurch einkehren oder ein Gericht à la Nina geniessen möchten.

Wanderer im Sertig Dörfli (Foto: © Jano Felice Pajarola)
Ein rechtes Stück Weg, bis alles hier hinten ist.

Christian Biäsch Schwinger

Einmal im Jahr allerdings sind es die Fans des Schweizer Nationalsports, die das Tal bevölkern. Einmal im Jahr, mitten im Sommer, ist Sertigschwinget. Dann stehen die Besten der «Bösen» im Ring, packen sich vor der imposanten Kulisse von Mittaghorn, Plattenflue und Hoch Ducan an den Zwilchhosen und kämpfen im Sägemehl. Wer könnte mir besser von diesem einzigartigen Volksfest erzählen als Christian Biäsch? Er ist nicht nur selbst ein erfolgreicher «Böser», er ist auch in Sertig-Sand aufgewachsen, als Sohn des schon fast legendären «Walserhuus»-Wirtepaars Annalies und Joos Biäsch, der notabene Präsident des Schwingerverbands Davos ist. Als Festplatzchef ist Christian die zentrale Person, wenn es darum geht, den Sertigschwinget zu organisieren und durchzuführen. Festzelte, Esswaren und Getränke für 1000 bis 2000 Zuschauerinnen und Zuschauer, Sägemehl für vier Kampfringe, «bis alles hier hinten ist, ist es ein rechtes Stück Weg», meint Christian. Anderthalb Monate vor dem Grossanlass geht es los mit den Vorbereitungen, und die Planung muss sitzen, denn schliesslich will Christian am Wettkampftag auch selber zum Hosenlupf antreten. «Da möchte man dann nicht noch mit Organisationsfragen zu tun haben.» Auf dem Schwingplatz angefangen hat Christian einst als «Täfalibuab», als Helfer der Kampfrichter. «Aber immer mit dem Ziel, später bei den Grossen mitzumachen», erzählt er mir. Und so ist es auch gekommen.

Der Schwinget gehört einfach dazu.

Christian Biäsch Schwinger

Ein Kampf bei der Schwinget in Sertig (Foto: © Jano Felice Pajarola)

«Den Sertigschwinget gibt es schon so lange, er gehört einfach dazu, wenn man hier aufwächst», erzählt Christian. Fast ein Jahrhundert alt ist die Tradition, 1923 fand das Fest zum ersten Mal unter diesem Namen statt, «es ist eines der ältesten seiner Art überhaupt». Erst recht, wenn man den Heuersunntig dazuzählt, den die Burschen des Turnvereins Davos ab 1881 regelmässig im Sertigtal organisierten. Da ging es «im Sertig Dörfli, wenn einmal des Pfarrers Rede im alten Bergkirchlein verklungen ist, hoch her bei Wein und Tanz und Lustbarkeit bis in den Morgen hinein.» So schrieb es der Davoser Arzt Wilhelm Schibler anno 1899, und natürlich wurde am Heuersunntig auch kräftig gerungen und geschwungen. Wie heute am Sertigschwinget. Das Fest ganz hinten im Tal zieht seit Jahren ein grosses Publikum an, erst recht, wenn das Wetter mitspielt. Egal, ob es die «bösen Mannen» oder die Buben sind, die Jungschwinger, die gerade im Rund kämpfen und sich nach dem unerbittlichen Hosenlupf kameradschaftlich das Sägemehl vom Rücken klopfen. Wer hier die weibliche Form vermisst: Frauen machen sich als Aktive immer noch rar im Schwingen. Auch im schönen Sertig.

In Sertig aufzuwachsen ist toll.

Christian Biäsch Schwinger

Zuhinterst im Sertig stürzt der Ducanfall über drei Stufen zu Tal (Foto: © Jano Felice Pajarola)

Wenn ich schon beim «Walserhuus» in Sertig-Sand bin: Wieso nicht gerade das tun, was so viele Gäste ins Tal lockt und was mir auch Nina vom «Bergführer» ans Herz gelegt hat, nämlich zum nahen Ducanfall spazieren? Eine knappe halbe Stunde, dann sprühen mir die Kaskaden das kalte Wasser des Ducanbachs gegen die Beine, über drei Stufen stürzt es die Felswände hinab, flutet das Ohr mit seinem Rauschen und Tosen. Und ich erinnere mich daran, was Christian mir über seine Kindheit im Tal erzählt hat: «Hier aufzuwachsen ist toll.» Ein Paradies. Klar, als Jugendlicher nerve man sich vielleicht manchmal über den weiten Schulweg oder die Taxikosten fürs Nachhausefahren nach dem abendlichen Ausgang. Aber Sertig völlig hinter sich lassen? Undenkbar. «Auch jetzt, wo ich mit meiner Freundin in Davos lebe, schätze ich es, hierher zu kommen. Ich brauche das.» Die Natur. Die Familie. Das «Walserhuus». Den Schwinget. Die Jagd, wenn es Herbst wird. «Und die Ruhe.»

Im Sommer ist es schon herrlich hier.

Jürg Marugg Kutscher

Kutscher Jürg Marugg bringt mit seinen Pferden Amigo und Idefix Gäste ins Sertig (Foto: © Jano Felice Pajarola)

Auf dem Weg zurück ins Dörfli begegnet mir noch etwas, das aus dem Tal nicht wegzudenken ist. Die Pferdekutsche. Sommers wie winters gehört das pittoreske Transportmittel zum Bild von Sertig. Auf dem Kutschbock sitzt an diesem Tag der Klosterser Jürg Marugg, einer von zehn Kutschern, die von Davos Platz aus verschiedene Strecken bedienen. «Im Sommer ist es schon herrlich hier», sagt er vergnügt mit einem Blick auf die Berge rundherum. «Man ist am Ende des Tals, und wenn dann auch noch von überall her die Kuhglocken tönen … Ich fahre gerne hierher.» Anderthalb Stunden brauchen seine beiden Moritzburger Pferde Amigo und Idefix für die elf Kilometer und 300 Höhenmeter bis zur Endstation im Sand, und auch die Gäste geniessen die Entschleunigung, das Bimmeln der Schellen, das Gefühl, für einen Moment aus der Zeit gefallen zu sein. Er sei schon mit Pferden aufgewachsen, erzählt Jürg; seit 34 Jahren sei er nun Kutscher. Ins Sertigtal komme er sommers zwei- bis dreimal die Woche, «im Winter bin ich fast täglich hier oder im Dischmatal unterwegs. Das Kutschenfahren ist dann einfacher, weil es weniger Autos hat.» Aber auch im Sommer komme man trotz der teils engen Strasse «immer aneinander vorbei». Ja, die im Auto müssten halt ab und zu retour fahren. «Das machen nicht alle gern. Aber sie könnten ihren Wagen ja auch daheim lassen. Es gibt schliesslich gute Busverbindungen.» Oder eben die Kutsche, wenn es mal etwas Besonderes sein soll.

Mein Amt ist Teil der Familientradition.

Annemarie Jost Messmerin

Das Kirchlein im Sertig ist ein beliebter Ort für Hochzeiten und Taufen (Foto: © Jano Felice Pajarola)

Etwas Besonderes ist auch das «Kirchlein Hinter den Eggen» im Dörfli, meine letzte Station an diesem Tag, Messmerin Annemarie Jost, trotz ihrer 86 Jahre noch immer voller Tatendrang, wird mir von ihren Aufgaben in der beliebten Hochzeitslocation erzählen. Hinter den Eggen: So heisst seit jeher der hinterste Abschnitt des Sertigtals mit Dörfli und Sand, und wer die Schriften von Annemaries verstorbenem Mann Christian zur Hand nimmt, einst Nationalrat und Landammann von Davos, kann tief eintauchen in die Sertiger Vergangenheit. Im 13. Jahrhundert sollen die Freiherren von Vaz ein Dutzend Familien aus dem Wallis ins Landwassertal geholt haben, um das Gebiet dichter zu besiedeln – auch das Seitental Sertig. Aus den Einzelhofsiedlungen der Walser wurden mit der Zeit so genannte Nachbarschaften, eine war jene «hinter den Eggen». «Als das Kirchlein 1699 gebaut wurde», weiss Annemarie, «lebten etwa 100 Leute ganzjährig hier. Und der Weg zum Gottesdienst nach Davos-Frauenkirch war ihnen zu weit.» Also sammelten sie Geld und bauten sich in Fronarbeit ihr eigenes Kirchlein. So sind die in einer Genossenschaft organisierten Sertiger Landeigentümerinnen und -eigentümer noch heute in Besitz des privaten Gotteshauses. Auch die Familie Jost zählt zu dieser «Atzungsgenossenschaft», ihr gehört sogar das «Kirchenstückli», der Boden, auf dem das Kirchlein steht. Deshalb ist Annemarie, die im Appenzellischen aufgewachsene eingeheiratete Davoserin, nun Messmerin im Dörfli: Es ist Teil der Familientradition, sie hat die Aufgabe vor über 15 Jahren von ihrer Schwägerin übernommen.

So lange ich mag, mache ich es gerne.

Annemarie Jost Messmerin

Ordnung halten in der Kirche. Ordnung halten im Terminkalender mit den allsommerlich bis zu 25 Hochzeiten, Taufen und anderen Anlässen. Die sechs Sommer- und zwei Weihnachtsgottesdienste vorbereiten. Die Glocken läuten lassen am Nationalfeiertag, an Silvester und an Neujahr: Das sind nur einige von Annemaries Pflichten. «Man muss halt Zeit haben», meint sie. «Es ist schon aufwendig. Aber so lange ich mag, mache ich es gerne.» Wer das allen christlichen Glaubensbekenntnissen offen stehende Kirchlein nutzen will, seien es nun Hochzeitswillige aus Amerika oder Täuflingseltern aus Clavadel, der bezahlt eine Miete – aus den Einnahmen wird der Unterhalt des historischen Gebäudes finanziert.

Wenn dann die kalte Jahreszeit kommt, sorgt Annemarie dafür, dass das Kirchlein winterfest gemacht wird. Und dass jemand an Heiligabend rechtzeitig vor den Gottesdiensten einen Pfad durch den Schnee zum Eingang schaufelt. Aber noch ist das alles weit weg, noch ist Sommer, die Mountainbikerinnen und Stromvelotreter radeln durchs Tal, die Trailrunner schnaufen sich die Pfade hoch, der Bus bringt die Wander- und Spazierwilligen ins Dörfli, zum «Bergführer» und zu Nina, die mehr als 700 Jahre nach den Walsern aus dem Wallis in Richtung Davos ausgewandert ist. «Nein», sagt sie, «ich habe es noch nie bereut, hier ins Tal gezogen zu sein. Viele sagen, Sertig sei ein Kraftort. Und ich glaube, das ist auch so.»

Der Schwingplatz in Sertig (Foto: © Jano Felice Pajarola)
Jano Felice Pajarola

Autor.

Jano Felice Pajarola

Jano Felice Pajarola ist Redaktor, er lebt mit seiner Familie in Cazis GR.

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