Auf der Suche nach den «Big Five» der Alpen.

Alpine Safari

Gämsen (© Mel Weber)
Einmal alle «Big Five» der Alpen sehen – mit dieser Absicht begibt sich Melanie Weber auf eine Safari durch die Bündner Berge.

Von Mel Weber

Viele (Tier-)Fotografen träumen davon, einmal im Leben nach Afrika auf Safari zu gehen, um Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard vor die Linse zu bekommen. Mich hingegen faszinieren eher unsere heimischen Wildtiere, und so mache ich mich auf die Pirsch nach den «Big Five» der Alpen: Rothirsch, Steinbock, Gämse, Bartgeier und das – zugegeben nicht sehr grosse, aber nicht minder faszinierende – Murmeltier!

Der König der Lüfte ist zurück

Den Titel «König der Lüfte» musste der Bartgeier in der Schweiz eine Zeit an den Steinadler abtreten, denn der Vogel war einst im gesamten Alpenraum ausgerottet. Heute kann man die wiederangesiedelten Tiere von Monaco bis Österreich fliegen sehen. So auch in Graubünden, unter anderem im Parc Ela, wo Wanderleiter Andreas Kofler im Sommer regelmässig Gäste zu Greifvogel-Safaris mitnimmt.

Auch ich darf heute von seinem grossen Wissen profitieren und mit ihm in ein abgelegenes Tal, dessen Namen wir hier nicht verraten wollen. Auch wenn die Wiederansiedlung des Bartgeiers international als eines der erfolgreichsten Naturschutzprojekte gilt, so handelt es sich immer noch um eine höchst sensible Art. Insbesondere Brutpaare sind störungsanfällig und wir beobachten den Horst deshalb nur aus der Distanz. Der Jungvogel trainiert bereits seit Tagen seine Flügel und könnte jeden Moment ausfliegen. Ob er sich dafür jedoch ausgerechnet den heutigen Regentag aussucht? Wohl kaum. Auch seine Eltern ziehen es vor, mehrheitlich in der Felswand Deckung zu suchen und fliegen nur ab und zu eine kleine Runde, um nach dem Rechten zu sehen.

Bartgeier (© Mel Weber)

Hirsche gesucht und Steinadler gefunden

Während Gäste auf einer afrikanischen Safari meist per Geländefahrzeug herumchauffiert werden, kämpfe ich mich heute zu Fuss und schwer bepackt den Berg hoch. Ich bin mit Wildhüter Sep Antona Bergamin in der Val d’Err unterwegs. Es sei sein Lieblingstal, verrät er.

Und ich verstehe auch bald, warum: Ist der Aufstieg erst einmal geschafft, flacht das Gelände ab und gibt den Blick frei in eine wild-romantische Berglandschaft, die an Schönheit wirklich ihresgleichen sucht. Wir suchen derweil einen weiteren König, den des Waldes nämlich: den Rothirsch. Es wird wohl kein einfaches Unterfangen, denn, ähnlich wie ich selbst, mögen Hirsche die Hitze nicht sonderlich und steigen im Sommer erstaunlich hoch in unzugängliches Gelände.

Nach einem feinen Znüni auf der Alp entscheiden wir, noch etwas weiter ins Tal vorzudringen und werden dafür belohnt: An einer steilen Bergflanke entdecken wir mit dem Fernrohr tatsächlich mehrere Hirsche. Während ich sie aus der Ferne fotografiere, ruft Sep Antona auf einmal: «Steinadler!» Kurz darauf werden wir Zeugen eines veritablen Luftkampfes zwischen zwei (vermutlich noch jungen) Steinadlern und zwei Turmfalken, die um die Vorherrschaft über einen Felskamm kämpfen. So ist das manchmal auf Safaris: Lange sucht man und findet nichts und auf einmal geschieht alles gleichzeitig … 

Val d' Err (© Mel Weber)

Hitzetag bei den Gämsen

Für die Gäms-Safari dürfen wir heute doch noch Geländewagen fahren. Wildhüter Gieri Derungs holt uns nämlich mit seinem Jeep in Laax ab und spart uns so einige Höhenmeter. Er habe letzte Woche wiederholt an zwei Plätzen Gämsen gesichtet, erzählt er und führt uns nach einem kurzen Fussmarsch zum ersten dieser Plätze. Und tatsächlich können wir zwei Tiere im Geröllhang gegenüber beobachten. Wir warten auf das erste Morgenlicht und schiessen ein paar Fotos, bevor wir uns zum zweiten Beobachtungspunkt begeben. Beim Aufstieg kommen wir schon gehörig ins Schwitzen, obwohl es noch früh morgens ist. Und auch die Gämsen scheinen zu spüren, dass ein Hitzetag bevorsteht, denn die meisten von ihnen verstecken sich bereits im schattigen Wald. Ein Muttertier mit zwei Kitzen spaziert noch entspannt an uns vorbei, bevor es sich zum Rest der Herde gesellt. Wir beobachten sie noch eine Zeit lang, bevor wir ins Bergrestaurant weiterziehen und uns ebenfalls etwas abkühlen.

Gämse (© Mel Weber)

Bären, Katzen und Affen im Avers

Im auf über 2000 m ü. M. gelegenen Hochtal Avers sind die Sommertemperaturen deutlich erträglicher. Allerdings braut sich kurz nach unserer Ankunft ein heftiges Gewitter zusammen und die abendliche Fotopirsch fällt buchstäblich ins Wasser. Tags darauf ist der Spuk vorbei und wir treffen Elsi Dettli am Startpunkt des Murmeltier-Lehrpfades. Sie hat ein enormes Wissen über die Tierwelt des Tals, insbesondere über die Murmeltiere. Das gibt sie umfassend und unterhaltsam an uns weiter. Zum Beispiel, dass die erwachsenen Tiere Bär (m) und Katze (w) genannt werden, der Nachwuchs Affen. Immer wieder machen wir Halt, um die kleinen Nager zu beobachten und zu fotografieren. Sie sind wirklich wunderbare Sujets mit ihrer putzigen Erscheinung und ihrem geschäftigen Treiben. Ich kann gut verstehen, dass es Elsi nie langweilig wird bei ihren «Murmata».

Murmeltiere Murmeltiere

Eine Audienz beim König der Alpen

Am letzten Tag wird’s nochmals royal: Die Steinböcke am Schamserberg gewähren uns eine Audienz. Wir sind im Naturpark Beverin, im Revier der Safien-Rheinwald-Kolonie, welche etwa 350 Tiere umfasst. Zusammen mit Exkursionsleiter Magnasch Michael machen wir uns am späten Nachmittag auf, einige von ihnen zu suchen. Das Gelände ist weitläufig und schroff – eine Steinbocksafari hier ist kein Zuckerschlecken. Doch wir haben Glück: Nach einem etwa einstündigen Aufstieg erspähen wir mit dem Feldstecher vier stolze Böcke, die sich an einem saftig grünen Berghang den Bauch vollschlagen. Wir kraxeln weiter zu ihnen hoch und werden dabei neugierig beäugt. «Ihr könnt schon lachen», denke ich mir, während ich erschöpft nach Luft schnappe und die Kamera auspacke. Nachdem ich ein paar Bilder gemacht (und meinen Puls wieder auf Normalgeschwindigkeit gebracht) habe, versuche ich vorsichtig, mich in eine bessere Fotoposition zu bringen. Zu meiner Freude dulden die Tiere mich lange in ihrer Nähe. Während zwei von ihnen wiederkäuend im Hang liegen und die Aussicht geniessen, scheinen die anderen beiden regelrecht zu posieren. Begeistert von dieser Steinbock-Safari, machen wir uns tags drauf in den frühen Morgenstunden gleich nochmals auf den Weg. Doch dieses Mal können wir «nur» aus der Ferne eine Herde Steinböcke beobachten – dafür gleich 23 (!) Stück.

Ich war zwar noch nie in Afrika auf einer «richtigen» Safari, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, wie das, was ich in den letzten Tagen erlebt habe, noch zu toppen wäre. BIG moments in FIVE days!

Steinbock der Safien-Rheinwald-Kolonie (© Mel Weber)
Mel Weber

Autorin.

Mel Weber

Mel ist als Naturfotografin am liebsten mit ihrer Kamera in den Bergen unterwegs, immer auf der Suche nach Wildtieren und dem schönsten Licht. Auf ihrem Blog «Tiefblicke» schreibt sie über ihre Streifzüge.
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Cover © GRF, Marco Hartmann

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