Unterwegs im Unterengadin.

Guarda – ein Dorf für alle Sinne

Das verschneite Bergdorf Guarda
Das schönste Ende der Welt? Das findet man in Guarda. Das Unterengadiner Dorf, das wegen der Geschichte von Schellen-Ursli berühmt wurde, gehört zu den schönsten Orten in Graubünden. Wir waren auf Entdeckungstour im Winter und haben Guarda mit allen fünf Sinnen erlebt.

Von Nadja Maurer

Sehen

Guarda ist eine Augenweide. Nicht zufällig wurde es zu den zehn schönsten Bergdörfern in Graubünden gewählt und 1975 mit dem Wakkerpreis für das besterhaltene Dorfbild ausgezeichnet. Wer durch Guarda schlendert, vergisst die Zeit, obschon der kleine Ort schnell durchquert wäre. Doch an den pittoresken Engadiner Häusern mit ihren Malereien und Sgraffiti sowie an der Aussicht auf die Unterengadiner Dolomiten kann man sich nicht sattsehen.

Haus Nr. 51 in Guarda

Die Gebäude stammen grösstenteils aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Das ist einzigartig im Tal, weil Guarda im Gegensatz zu anderen Unterengadiner Dörfern von grossen Dorfbränden verschont wurde. Noch ursprünglicher ist die Kirche mit ihrem schmucken Turm. Sie hat sowohl Kriege als auch die habsburgischen Raub- und Zerstörungszüge überstanden. Was auffällt: Die Häuser im Dorfkern sind alle Richtung Strasse ausgerichtet. Das überrascht, angesichts der sonnigen Hanglage, hat aber damit zu tun, dass Guarda vor 500 Jahren ein Strassendorf war und die Hauptverkehrsachse durch die kleine Ortschaft führte. Heute ist Guarda verkehrsfrei. Wer mit dem Auto anreist, lässt das Fahrzeug beim Parkplatz am Ortseingang stehen. Noch besser ist es, ganz entspannt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen.

Mit Sgraffiti verziertes Engadiner Haus in Guarda

Tipp.

Dorfführung in Guarda

Immer freitags um 10 Uhr führt Maria-Louise Meier interessierte Gäste durch Guarda. In der rund 75-minütigen Dorfführung erzählt sie über die Geschichte des Bergdorfes, erklärt die typische Bauart der Engadiner Häuser und gibt einen persönlichen Einblick in das Dorfleben. So erfährt man beispielsweise, warum mindestens ein Fenster im Engadiner Haus auf einen Brunnen ausgerichtet ist oder wie die rätoromanische Sprache in Guarda gelebt wird.

Hören

Stille. Nichts als Bergstille. Diese Ruhe ist es, was Einheimische und Besucher*innen in Guarda gleichermassen schätzen. Wer eine Bar sucht, wer Rambazamba möchte, ist hier fehl am Platz. «An schönen Tagen kann es durchaus lebendig werden. Aber abends ist es, als wenn man das Dorf abschliessen würde», erzählt Sarah Scarperi, General Managerin vom Meisser Resort in Guarda. Das Hotel Meisser liegt im Herzen des Dorfes. Wer einen Ort zum Krafttanken sucht, kehrt hier ein. Zum Übernachten, zum Geniessen, zum Abschalten – um die magische Stille des Dorfes zu hören.

Meisser Resort in Guarda

Das Haus hat eine lange Geschichte. Vor über 125 Jahren kamen im damaligen 10-Betten-Betrieb die ersten Gäste unter. Inzwischen ist das Meisser zu einem Resort herangewachsen: Zwei Hotels, Suites, Lodge, Ferienwohnungen, Restaurants und vieles mehr gehören dazu. Heute bietet das Hotel, das in der fünften Generation geführt wird, 100 Betten an – in einem Dorf mit 190 Einwohnenden. Als grösster und neben der Guarda Lodge einziger Hotelbetrieb übernimmt das Meisser eine verantwortungsvolle Rolle bei der touristischen Entwicklung des Dorfes. Der Grat zwischen zu viel und zu wenig Tourismus ist schmal. «Guarda ist ein Rückzugsort und soll es bleiben. Das ist uns ein grosses Anliegen», sagt Sarah Scarperi. Entschleunigen können die Gäste im Meisser bei Yoga-Wochen, Massagen, regionaler Kulinarik oder einfach, indem sie die Natur vor der Hoteltüre geniessen. Gäste, die den Luxus der Ruhe lieben, werden sich hier wohlfühlen.

Eines der stilvollen Zimmer im Hotel Meisser

Fühlen

Guarda ist ein Dorf des Kunsthandwerks. Trotz der wenigen Einwohnenden gibt es viele Betriebe und Geschäfte, die mit Leidenschaft ihr Handwerk anbieten: Es gibt hochstehende Töpferwaren von Jordankeramik, die weit über Guarda hinaus bekannten Schmiedgegenstände der Kunst- und Bauschmiede Fuschina da Guarda oder die Seidenmalereien von Guard’Art.

Die Butia Uorsin in Guarda Die Butia Uorsin in Guarda

Eingangs Dorf liegt die Butia Uorsin. Der Blick ins Schaufenster macht neugierig: Von Holzhandwerk über Küchenwäsche, Glocken, Kinderspielzeug bis zu Schellen-Ursli-Souvenirs bietet der Andenkenladen ein kunterbuntes Sortiment. Wer rein möchte, klingelt einfach an der Tür. Kurze Zeit später erscheint Rita Bonorand um die Ecke. Sie hat den Laden zusammen mit ihrem Mann 1977 eröffnet. Wie viele Artikel sie in ihrer Butia verkauft, kann sie nicht beantworten – über die Jahre hat sich einiges angesammelt. Früher verkaufte die Familie, die eine Schreinerei betreibt, mehrheitlich Holzmöbel an die Gäste. «Doch Holzmöbel werden heute leider nicht mehr so geschätzt wie früher», bedauert Rita Bonorand. Jetzt sind es Schellen-Ursli-Artikel, allen voran die Bücher und das Geschirr, die zu den Kassenschlagern gehören. Selina Chönz, die Autorin der Schellen-Ursli-Geschichte, hatte Rita Bonorand dazu animiert, Souvenirs der Romanfigur im Laden aufzunehmen. Auch wenn es die Artikel heute in der ganzen Schweiz zu kaufen gibt: Das Schellen-Ursli-Souvenir aus Guarda bleibt einzigartig.

Sortiment in der Butia Uorsin
Schellen-Ursli-Souvenirs

Schmecken und Riechen

Wer Guarda schmecken und riechen möchte, schaut bei den Hofläden vorbei, wo Köstlichkeiten wie Salsiz, Würste oder Alpkäse angeboten werden. Oder man stattet der Herboristeria von Guarda Kräuter einen Besuch ab. Wer den kleinen Laden im Weiler Guarda Pitschen betritt, merkt sofort, dass hier etwas Besonderes entsteht: Wunderschön abgepackte Tees, bunte Blütenmischungen, kreative Kräutersalze und hochwertige Pflegeprodukte.

Die Herboristeria von Guarda Kräuter
Kräutersalze von Guarda Kräuter

Regula Guyer und Samuel Bühlmann haben Guarda Kräuter im Frühling 2021 übernommen. Den Betrieb gibt es seit über 30 Jahren. «Es ist ein Projekt mit Sinnhaftigkeit», sagen sie. Die Kräuter und Blumen stammen aus dem eigenen, unterhalb des Dorfes gelegenen Garten. Der Anbau und die Verarbeitung erfolgen biologisch. Der andere Teil der Pflanzen und Kräuter wird in den Wäldern um Guarda und hoch oben im Tuoital gesammelt. Das Tal ist bekannt für seine vielfältige und einzigartige Flora. Anbauen, pflegen, pflücken, trocknen, verarbeiten, abpacken – alles erfolgt in aufwendigster Handarbeit. Ohne Volontär*innen, die für die Ernte im Sommer für mindestens vier Wochen nach Guarda reisen, wäre das für den Zwei-Personen-Betrieb nicht machbar.

«Klein, naturnah und bewusst» ist das Motto von Regula Guyer und Samuel Bühlmann. Allein für das Befüllen eines Teepäckchens werden bis zu 20 Minuten benötigt. Jede Blüte, jedes Blatt, wird liebevoll im Säckchen platziert. Bei Guarda Kräuter wird Teekultur bewusst zelebriert. «Für das ausgewogene Gleichgewicht des Tees nimmt man von jeder Pflanze mindestens je eine Blüte oder ein Blatt. Das Wasser, mit dem man den Tee aufgiesst, darf nicht zu heiss sein», erklärt Regula Guyer die richtige Zubereitung. In der Glaskanne blühen die Blätter und Blüten auf und sorgen für Aroma, Farbe und Formen, die ihresgleichen suchen.

Teepäckchen
Nadja Maurer, GRF Mitarbeiter

Autorin.

Nadja Maurer

Nadja Maurer ist mit Stift und Kamera bepackt für Graubünden Ferien unterwegs und berichtet über spannende Erlebnisse von Feriengästen und neuen Abenteuern in Graubünden.

Winteraktivitäten.

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