Gletschererlebnis Diavolezza.

Warum weinst Du, Gletscher?

Diavolezza
Der Morteratschgletscher bei Pontresina breitete sich 1860 bis zur heutigen Haltestelle der Berninabahn aus. Seither zog er sich um drei Kilometer zurück – und hat es dabei immer eiliger. Ein Trauerspiel. Gleichzeitig ist das Val Morteratsch ein Ort, wo neues Leben wie auch neue Ideen entstehen.

«Warum weinst Du, Gletscher? Ist es die Traurigkeit des Abschieds, die Dich übermannt?», so beginnt ein Gedicht von Fritz Gillinger aus dem Jahre 2014. Den ersten Blick auf den Morteratschgletscher erhaschen die Gäste des Engadins oft von der Montebello-Kurve aus. Dort, wo sich zwischen Pontresina und Berninahospiz Strasse und Zugstrecke kreuzen, setzt sich rechterhand die Berninagruppe mit ihren schneeweissen Spitzen mächtig in Szene. Darunter die beiden Eisströme Pers und Morteratsch, die die Isla Persa umfliessen: Stolz und erhaben präsentiert sich diese 16 Quadratkilometer grosse Eisskulptur des Oberengadins. Von Traurigkeit keine Spur.

Diavolezza

«Mort Aratsch!»

Die Bergstation Diavolezza ist für Trittsichere Ausgangspunkt, um dieses ewige Eis zu erkunden; diese 1,5 Milliarden Tonnen, die ständig in Bewegung sind. Nur die Kenner des Morteratsch wissen, wo sich neue Gletscherspalten und -mühlen gebildet haben und wo Gletscherhöhlen zugänglich sind. Findlinge aus Stein oder ganze Baumstämme, die das ewige Eis freigegeben hat, säumen den Weg und erzählen Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten. Nur der unglückliche Aratsch bleibt bis heute verschollen.

Der Legende nach kam der ehemalige Senn – nach Jahren in der Fremde – zurück ins Tal und fand seine geliebte Annetta nur noch im Totenbett vor. In ohnmächtiger Verzweiflung ritt der Unglückliche mit seinem Pferd den Gletscher hinauf, wo sich seine Spur für immer verlor. Im Gedächtnis geblieben ist er allemal: Denn Annettas Geist kam nicht zur Ruh’ und klagte in stillen Nächten hörbar: «Mort Aratsch, mort Aratsch!» und gab so dem Gletscher seinen Namen.

Morteratschgletscher (Foto: © Graubünden Ferien, Andrea Badrutt)

Der Adel ist angetan

Unruhige Tage erlebte auch der Leipziger Künstler Wilhelm Georgy, als er 1854 Zeichenstudien von den «mächtigen Eiszacken und Spitzen weit hinten am Morteratschgletscher» plante. Ausgestattet mit Decken und Kochgeschirr logierten sie noch im Spätherbst unter Steinblöcken und hörten «das dumpfe, Kanonendonner ähnliche Krachen der berstenden und stürzenden Eismassen». «Es schien als platzte der grausige Gletscher vor Ärger erzürnt, dass ein Menschenkind sich zudringlich erfrecht, seine geheimen Schönheiten ablauschend zu Papier zu bringen», schreibt Georgy in seiner Erzählung «Hotel Granitblock».

Damals – gegen Ende der Kleinen Eiszeit – zog sich der Gletscher bis zum heutigen Standort der Bahnstation. Bereits 1905, als Familie Kessler dort ihr erstes Hotel baute und 1910 die Berninabahn samt Bahnhof Morteratsch erstellt wurde, hatte sich der Eisstrom bereits wenige hundert Meter zurückgezogen. Die leichte Zugänglichkeit zum Gletscher war eine Sensation, die sich in der Belle Époque des Engadiner Tourismus auch der deutsche Kaiser Wilhelm nicht entgehen lassen wollte. Aufnahmen zeigen ihn bei einem Gletscherspaziergang mit einem Tross aus Herren in feinen Anzügen und Damen mit weiten Hüten und edlen Handtäschchen.

Morteratsch Gletscherwanderung

Hightech am Gletscher

Heute müssen zuerst rund drei Kilometer Schotterweg unter die Füsse oder Räder genommen werden, um in die Nähe des Gletschers zu gelangen. Jahr für Jahr zieht sich der Morteratschgletscher um 40 Meter zurück, eine Entwicklung, die der einheimische Glaziologe Felix Keller nicht einfach hinnehmen will. Beim von ihm ins Leben gerufene Gletscherpflege-Projekt MortAlive (siehe Seite 14) soll eine wegweisende Beschneiungstechnik entwickelt werden, die das Abschmelzen der Gletscher zwar nicht verhindern, jedoch verzögern kann. Nicht nur im Engadin oder in den Alpen, vielmehr in den Anden oder im Himalaya, wo rund 200 Millionen Menschen vom Ausbleiben des Schmelzwassers existenziell bedroht sind.

Im freigelegten Vorfeld des Morteratschgletschers tut sich derweil anderes. Sogenannte Pionierpflanzen wie AlpenLeinkraut oder Silberwurz krallen sich in den lockeren Schutt der grauen Moränen, Alpenrosen beginnen zu blühen oder Arven- und Lärchenbestände mit Weiden und Grünerlen breiten sich aus. Eine neue Landschaft entsteht. Und so folgen in Gillingers Gedicht die Fragen: «Warum weinst Du, Gletscher?... Weil Du ständig unterwegs bist? Fort von dem kalten Ort, der dich nährt. Unbeirrbar abwärts dorthin, wo Du dich verwandelst? Oder sind es Gletscherfreudentränen über das neue Leben, dass Du damit schaffst?»

Schon gewusst?

Der Morteratschgletscher bedeckt zusammen mit dem Persgletscher eine Fläche von 16 km2 . Er ist damit einer der grössten Gletscher in den Alpen. Seit 1999 schmilzt er mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 Metern pro Jahr. Das Projekt MortAlive um den Glaziologen Felix Keller will diesem Gletscherschwund durch Schmelzwasser-Recycling die Stirn bieten. Mit Schneeseilen soll der Gletscher beschneit werden, sodass das Eis darunter erhalten werden kann. Erste Feldversuche bei der Diavolezza-Talstation waren erfolgreich.