Sicherheit und Risiken.

Skitour für Anfänger

Fahrspass pur (© Martin Hoch)
Du möchtest deinen ersten Berg erklimmen, bist aber noch Skitour-Newbie? Das geht, wenn man die wichtigsten Regeln einhält.

Von Martin Hoch

«Dort oben sollte man aktuell nicht fahren», sagt Bergführerin Bettina Leimgruber aus Davos und zeigt auf einen Steilhang. Weshalb man wo wann fahren oder nicht fahren sollte, ist einem als Skitourenanfänger oft ein Rätsel. Wenn man erfahrene Skitourengänger danach fragt, folgt meist eine lange theoretische Abhandlung, gespickt mit «Wenn» und «Aber». Und auch wenn die Welt nicht in einem Satz erklärt werden kann, wollte ich als Skitourenanfänger einfache Antworten und Richtlinien, an die ich mich halten kann. Ohne das grosse Ganze auszublenden, versteht sich. So zog ich mit Bettina Leimgruber los und liess mir die Sicherheitsaspekte einer Skitour erklären.

Davoser Bergführerin Bettina Leimgruber (© Martin Hoch)

Wie plane ich eine Skitour richtig? 

«Eine Skitour beginnt nicht in den Bergen», sagt Bettina Leimgruber. Man müsse die Schnee- und Wetterverhältnisse bereits die Tage vor der Tour studieren. Dazu gäbe es inzwischen gute Hilfsmittel. Besonders hebt sie die App «White Risk» vom SLF (Institut für Schnee- und Lawinenforschung) hervor. Darauf findet man das täglich aktualisierte Lawinenbulletin, wie auch Informationen zu den lokalen Schneeverhältnissen. Die App bietet zudem einen Tourenplaner. Bettina Leimgruber empfiehlt zusätzlich zur App eine physische Skitourenkarte. Diese sei optimal, um sich einen Überblick über das Gebiet zu verschaffen. Wie bei den Apps seien die Hangneigungen und Routen eingezeichnet. «Und wenn unterwegs beim Handy der Akku leer ist, punktet eine Karte auch heutzutage noch.»  

Bei der Planung nutze sie zudem gerne den «Beurteilungs- und Entscheidungsrahmen 3x3» des Lawinenexperten Werner Munter. Dieser hilft die drei Faktoren Verhältnisse, Gelände und Mensch richtig einzuschätzen. Ebenfalls lohne es sich, wenn möglich vor Ort Informationen über die aktuellen Verhältnisse einzuholen.

Wir lernen: 

  • Eine gute Planung ist wichtig 
  • Die App «White Risk» bietet hilfreiche Informationen 
  • Eine physische Skitourenkarte bietet einen guten Überblick 
  • Bei der Planung halten wir uns ans 3x3-Prinzip 
  • Wir holen vor Ort Informationen ein 

Ich möchte auf eine Skitour  was benötige ich an Sicherheitsequipment? 

Ich treffe Bettina Leimgruber in Davos an der Talstation zum Jakobshorn. Die Sonne scheint und die Berge sind von Neuschnee überzogen. «Wir fahren als erstes mit der Gondel hoch zur Bergstation», sagt sie. Ich bin etwas verdutzt. Ich rechnete mit einem harten Aufstieg, bei dem mir das Herz rast und die Puste ausbleibt. Eine Tour für Anfänger müsse nicht gleich die physische Verfassung strapazieren, sagt Leimgruber und weiter: «Skitouren sind kein Rennsport, es geht hier ums Naturerlebnis». Und schliesslich möchten wir uns auch noch dem Thema Sicherheit widmen.

So kommen wir am Startpunkt der Tour an und packen gemeinsam das Sicherheitsequipment aus. Es handelt sich um ein LVS (Lawinenverschüttetensuchgerät), eine Schaufel und eine Sonde. Drei Gegenstände, die im Notfall Leben retten. «Es ist wichtig, dass man sich vor einer Tour mit dem Material auseinandersetzt.» Denn im Notfall zähle jede Minute. Einmal die Sonde und die Schaufel zusammenstecken, einfach um zu wissen, wie man die Geräte korrekt handhabt, schadet nicht. Etwas genauer schauen wir das LVS an. Hier gibt es einiges zu beachten. Das LVS sollte man entweder unter der Jacke am Körper oder in einer Hosentasche mit Reissverschluss tragen. Zu beachten ist, dass es sich mindestens 20 Zentimetern vom Handy entfernt befindet. Und dass der Batterieladestand immer mindestens 40 Prozent betrage (Ersatzbatterien im Rucksack mitführen empfohlen.) Bevor wir nun losfahren, stellen wir unsere LVS auf den Betrieb «Senden» und machen noch einen «Gruppentest». Auf neueren Geräten klickt man auf den Modus «Gruppentest», der sicherstellt, dass alle Geräte der Teilnehmer auf «Senden» gestellt sind.

Wir lernen: 

  • Nicht die eigene körperliche Verfassung überstrapazieren 
  • In der Handhabung des Sicherheitsequipments routiniert sein 
  • Das LVS korrekt tragen und auf den Akkuladestand achten 
  • Vor Start der Tour das LVS auf «Senden» schalten 
  • Vor Start der Tour einen «Gruppentest» mit LVS durchführen 

Meine Gruppe gerät in eine Lawine wie verhält man sich richtig? 

Als erstes sollte man nicht kopflos aktiv werden, sondern sich eine Übersicht verschaffen und die Rega kontaktieren. Die eigene Sicherheit geht vor. «Als Skitourengänger sollte man sich die Rega-App downloaden», sagt Bettina Leimgruber. Denn diese sende ein Signal an die Rettungshelfer. Nun geht die Suche los. Dabei ist zu beachten, wo man den oder die Verschütteten zuletzt sichtete. Wichtig ist, dass nun alle ihre LVS-Geräte von Senden auf Suchen umschalten, sich die Gruppe aufteilt und alle ausser der Person, die mit der Rega in Kontakt steht, die Handys ausschalten. «Die höchste Überlebenschance hat, wer in den ersten fünfzehn Minuten gefunden wird», sagt Leimgruber. Deshalb sei nun jeder froh, der sein Equipment gut kenne. Den Lawinenkegel begeht die Suchtruppe mit Suchstreifen. Ist man der einzige Suchende, begeht man den Lawinenkegel in einem Zickzackkurs. Alsbald das LVS das Signal des Verschütteten erkennt, zeigt es die Distanz zum Verschütteten in Metern auf. Ab einer Distanz von 10 Metern sollte man etwas langsamer arbeiten und ab 3 Metern hält man das Gerät an den Boden und beginnt mit der Feinsuche. Ist man so nahe wie möglich, nimmt man die Sonde zur Hand und beginnt zu sondieren. Stösst man auf Widerstand beginnt man zu schaufeln. Als erstes muss man sicherstellen, dass die Atemwege des Verschütteten frei sind.  

Nachdem Bettina Leimgruber das Szenario mit mir Punkt für Punkt durchgegangen ist, weiss ich, dass es ein solches Szenario unbedingt zu verhindern gilt. Denn eine Rettung ist immer ein Wettlauf mit der Zeit.  

Wir lernen:  

  • Als erstes einen Überblick verschaffen und die Rega kontaktieren 
  • Die Rega-App hilft bei der Lokalisierung des Unfallorts 
  • Eine geordnete Suche spart Zeit 
  • Jeder Suchende muss sein Gerät von «Senden» auf «Suchen» umstellen 
  • Ist der Verschüttete lokalisiert, schnellstmöglich die Atemwege frei machen 

So komme ich erst gar nicht in eine Lawine  darauf ist zu achten 

«Ein Restrisiko gibt es immer», sagt die Davoser Bergführerin. Als Anfänger gibt sie mir dennoch eine einfache Faustregel mit auf den Weg: «Begehe und befahre anfangs nur Hänge mit einer Steigung von unter 30 Grad.» Dann zeigt sie an den Hang zu unserer linken Seite. «Du musst aber nicht nur auf die Hangneigung des Hanges, den du begehst, achten.» Auch die Hänge über einem seien im Blick zu behalten. Etwas steilere Hänge sollte man zudem nicht als Gruppe zusammen begehen. Sondern Entlastungsabstände einhalten, damit verringert man das Gewicht auf die Schneedecke.

Wir lernen: 

  • Als Anfänger Hänge unter 30 Grad Neigung begehen 
  • Auf die Umgebung achten - Gefahren lokalisieren 
  • Je nach Situation einen Entlastungsabstand einhalten  

Als Anfänger unterwegs auf Skitour kann ich wirklich alleine losziehen?

Ich muss gestehen, als Anfänger geniesse ich es, hinter der Bergführerin zur Tällifurgga hochzugehen und danach neben ihren Spuren nach Sertig Dorf runterzufahren. Wegen der Sicherheit, aber auch, weil ich mich um nichts kümmern muss und mir gar noch einige Skitechniktipps abholen kann. Und wie war das nun mit den einfachen Grundsätzen einer Skitour? Ich durfte viel lernen. Gleichzeitig verstehe ich nun die vielen «Wenn» und «Aber», die eine Rolle spielen, ob ein Hang begehbar ist. Denn auch wenn man es gerne einfacher hätte, spielen bei der Lawinenbildung die unterschiedlichsten Faktoren mit rein. Dieses Wissen erarbeitet man sich über die Zeit. Mein Fazit ist, dass ich mich vorerst weiterhin geführten Touren anschliessen werde. Auch ein Lawinenkurs interessiert mich. Denn wie bei so vielem im Leben, erhält man Sicherheit durch langjährige Erfahrung. Und zum «Skitüürele» gehört auch nicht nur das Naturerlebnis, sondern auch der soziale Austausch mit anderen Skitourengängern.

Und last but not least: Immer die ausgeschilderten Wildruhezonen beachten. Diese sind auch in Skitourenkarten oder auf den verschiedenen Sktitouren-Apps eingezeichnet. Denn die Missachtung von Wildruhezonen sind durchaus kein Kavaliersdelikt, sondern schaden der Natur und werden auch geahndet.

Wir lernen: 

  • Weiter dazulernen - «Skitüürele» macht Spass 
Wildruhezonen (© Martin Hoch)
Rückweg nach Sertig (© Martin Hoch)
Martin Hoch

Autor.

Martin Hoch

Martin Hoch war über sieben Jahre auf Reisen. Ob mit der Bahn, Bus, Segelschiff oder umgebautem Bus, wichtig waren ihm die Begegnungen mit Menschen, angetrieben hat ihn die Liebe zur Natur. Zurück in der Schweiz widmet er sich dem Reisejournalismus.