Erlebnis Rheinschlucht.

«Fische aus dem Rhein, das wäre schön»

Rheinschlucht (Foto: © Stefan Schlumpf)
Francesca aus Reichenau, Kasi aus Versam, Hitsch aus Trin und Elvira aus Valendas: Als Einheimische kennen sie die Rheinschlucht (Ruinaulta) wie ihre Westentasche. Vier Begegnungen im Grand Canyon der Schweiz.

Reichenau

Wo sich Vorder- und Hinterrhein vereinen, bewacht von Schlossmauern, ist das östliche Tor zur Schlucht. Wer in die Ruinaulta will, kommt hier vorbei – und begegnet vielleicht Francesca von Tscharner. In Reichenau gross zu werden, als Tochter der Schlossbesitzer, hat die junge Frau geprägt, «ein Traum», erzählt sie. «Hier ist meine Heimat.» Sie ist aber auch Naturmensch durch und durch, in der Natur tankt sie Energie. Und dafür zieht es sie oft in die nahe Ruinaulta.

Im Schloss, wo sie mit ihren Geschwistern einst auf endlose Schnitzeljagden ging, kümmert sie sich um Events und das Marketing; die Anlage mit Park ist bei Hochzeitspaaren sehr beliebt. Bruder Johann-Baptista führt den schlosseigenen Weinbaubetrieb, Schwester Marina betreut den Unterstützerverein «Freunde von Reichenau». Der historische Bau ist Würde und Bürde. «Gesichert ist seine Zukunft bei weitem nicht», meint Francesca. Aber die ganze Familie arbeitet daran. Francesca holt sich die Energie dafür auch in der Schlucht. «Mein Mann und ich haben sogar schon überlegt, einen Kurs zu machen, um den Rhein auf dem Kanu befahren zu können.»

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Francesca von Tscharner

Versam

WasserchRAFT, Swiss River Adventures, Kanuschule Versam: Wer den Vorderrhein auf einer Raftingtour erleben möchte, findet problemlos erfahrene Anbieter. Dass dabei neben Spass auch Rücksichtnahme auf die Natur wichtig ist, ist für Kasi Fellmann logisch. «Der Fluss ist unsere Lebensgrundlage, uns liegt alles daran, diese Umgebung zu schützen», meint der Chef der Kanuschule. «Ohne die Menschen auszusperren.»

Wer im Kanu oder Schlauchboot mehr oder weniger wild durch die Schlucht paddelt, lernt etwas über Flora und Fauna im «Naturwunder des Flimser Bergsturzes», wie Kasi die Ruinaulta auch nennt. «Wir erzählen von der Auenlandschaft und den seltenen Vögeln, die hier heimisch sind. Unsere Kunden sollen wissen, wie man sich richtig in der Flusslandschaft bewegt.» Und natürlich freut es die Guides, wenn sie die Gäste unverhofft auf einen der raren Flussuferläufer aufmerksam machen können. Zum Start einer Tour reist man bei der Kanuschule notabene mit dem Zug, und die Boote werden von Hand aufgepumpt. «Das», betont Kasi, «zeigt auch, dass Naturschutz nicht immer bequem ist.»

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Kasi Fellmann

Trin

Die Natur schützen: Das gehört in der Rheinschlucht zu den Aufgaben von Hitsch Malär. Der pensionierte Förster ist ein offizieller Ruinaulta-Ranger, und diese Arbeit macht er «mit Herzblut», wie er sagt. Von seinem Haus in Trin sind es nur knapp 500 Meter, dann steht er am Rand der Schlucht und sieht hinab auf den mäandrierenden Fluss. Das ist sein Revier, etwa drei Stunden marschiert er jeweils durch die Ruinaulta, wenn er in Rangerkleidung und mit einem Tablet für wichtige Eintragungen seiner Aufgabe nachgeht. «Und mit dem Feldstecher, eine andere ‘Waffe’ haben wir nicht», er schmunzelt.

«Wenn ich unterwegs jemanden treffe, spreche ich ihn an. Als Ranger muss man gerne mit den Leuten reden.» Die erste von vielen Fragen, die er dann beantworten muss: Was haben wir angestellt? Aber die Ranger sollen keine Polizisten sein. «Wir informieren, geben Tipps, lenken die Besucher.» Gerade Kiesinseln am Wasser dürfen in der Brutzeit der seltenen Vögel von April bis Juli nicht betreten werden. Für Hitsch ist klar: «Ranger ist eine extrem schöne Aufgabe. Und ohne uns kann man sich die Schlucht fast nicht mehr vorstellen.»

Hitsch Malär

Valendas

Ob man sie nun durchwandert oder durchpaddelt: Meldet sich der Hunger, kann man bräteln, eine Bahnhofsbeiz besuchen oder hinaufsteigen in die Dörfer am Rand der Ruinaulta. Wie Trin, Versam – oder Valendas. Dort, im «Gasthaus am Brunnen», befindet sich das kulinarische Reich von Matthias Althof und Elvira Solèr. «Die Schlucht gehört einfach zur Identität von Valendas», findet Elvira. Und damit seit frühester Kindheit zu ihrem Leben. Auch heute noch liebt sie es, im Naturmonument spazieren zu gehen.

Dass die Konditorin-Confiseurin nach ihren Lehr- und Wanderjahren ins Dorf ihrer Jugend zurückkehren würde, hätte sie nie gedacht. Doch dann bekam sie mit ihrem Mann die Gelegenheit, das neue Gasthaus zu übernehmen. Seither sind die beiden ein gastronomischer Fixpunkt in der Region. Sie setzen auf Produkte aus dem Dorf: Fleisch, Eier, Gemüse – «das Angebot ist toll, und die Leute sind innovativ», schwärmt Elvira. Sie fühlt sich sehr wohl in Valendas, «alle halten zusammen.» Nur den Fluss auf die Menükarte zu bringen, das hätten sie noch nicht geschafft. «Fische aus dem Rhein, das wäre schön», sinniert sie. «Wenn sie uns jemand in ausreichender Menge brächte, würden wir sie schon nehmen.»

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Matthias und Elvira Malär

Schon gewusst?

Die 14 Kilometer lange Rheinschlucht – rätoromanisch «Ruinaulta» – zwischen Ilanz und Reichenau entstand vor 9 500 Jahren durch den gewaltigen Flimser Bergsturz. Zwischen 9 und 12 Kubikkilometer Fels donnerten damals in die Tiefe und begruben den Vorderrhein unter einer mehreren hundert Meter dicken Schuttmasse. Ein 25 Kilometer langer See wurde aufgestaut.  Mit der Zeit schnitt sich der Fluss jedoch tief in die Schuttmassen ein. Der Ilanzer See floss ab – die Rheinschlucht entstand.