Graubünden Ferien Schweiz

Rennrad-Route «Quellregion Rhein»

Hohe Pässe und tiefe Schluchten

Susi Kraft ist überzeugt: Die Viamala-Schlucht, der San-Bernardino-Pass und die Rheinschlucht gehören in jedes Rennrad-Tagebuch. Die leidenschaftliche Rennrad-Fahrerin schildert uns ihre Erlebnisse auf der Rennrad-Route «Quellregion Rhein».

Von Susi Kraft

In Graubünden erfüllen sich die Träume eines jeden Rennrad-Fahrers. Hier trifft man auf alles, wovon man träumt, wenn man im Winter die Trainingskilometer auf der Rolle abspult: hohe Pässe, tiefe Schluchten, weite Täler und einsame Strassen.

Durch die Viamala-Schlucht auf den San-Bernardino-Pass

Es ist ruhig in Thusis am frühen Morgen. Im Hotel Weiss Kreuz gibt es schon ab 6.30 Uhr Frühstück, damit wir Radler pünktlich aufbrechen können. Kurz nach Ortsende beginnt gleich mein Tagesanstieg. Ein Schild am Strassenrand warnt mich vor, auf was ich mich einlasse: 1400 Höhenmeter auf 46 Kilometer muss ich bis zum San-Bernardino-Pass bewältigen.

Bis dorthin warten aber viele einmalige Plätze auf mich. Der erste ist die Viamala-Schlucht. Über mir ragen plötzlich bis zu 300 Meter hohe Felswände in den Himmel.

Brücke über der Viamala-Schlucht (Foto: © Susi Kraft) Viamala-Schlucht (Foto: © Susi Kraft)

Es wird dunkel, ich höre das Wasser des Hinterrheins rauschen. Smaragdgrün blitzt der Fluss tief unten in der Schlucht zwischen grauen Felsen herauf. An den engsten Stellen sind die Felswände nur wenige Meter voneinander entfernt. Schon die Römer haben sich auf geschlagenen Wegen durch die Viamala gezwängt. Die Schlucht wird seit Jahrhunderten als Transportweg genutzt. Mindestens seit 1473 zogen Fuhrleute durch die Schlucht, die hier die einzige Verbindung hinauf zum San Bernardino ist.

Die Viamala-Schlucht spuckt mich in ein breites Tal aus. Die Sonne blendet meine Augen. Durch die Val Schons führt mich die Strasse mal flach, mal leicht ansteigend von einem historischen Bergdorf ins nächste. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Bauernhöfe stehen verstreut in den steilen Berghängen. Ich bin fast allein auf der Strasse.

Bauernhaus (Foto: © Susi Kraft)

In den Tiefen der Rofflaschlucht

Nach den Örtchen Zillis und Andeer führt mich der erste steile Anstieg der Tour hinauf nach Splügen. Traumhaft gezogene Serpentinen, feinster Asphalt, unter mir der tosende Fluss. Erneut verengt sich das Tal. Die Rofflaschlucht trennt Splügen vom Val Schons.

Erneut tauche ich ab. So tief, dass meine Sportuhr das GPS-Signal verliert. Ein dichter Nadelwald säumt die Strasse und die Schlucht. Den Eingang zur Schlucht markiert das Gasthaus Rofflaschlucht. Die Gäste, die auf der Terrasse sitzen, feuern mich an. Motivierende Zurufe statt Mittelfinger, Scheibenwasser und Hupe – so macht Radfahren Spass!

Dieser Abschnitt ist für mich einer der schönsten der Tour. Sowohl im Anstieg, als auch auf der Abfahrt.

Von Splügen auf den San-Bernardino-Pass

Splügen ist eines der ältesten Passdörfer Graubündens. Dieses Flair spürt man selbst im Vorbeiradeln und noch besser bei einem Kaffee auf der Rückfahrt. Am Fusse des San-Bernardino-Passes liegt das Örtchen Hinterrhein. Acht Kilometer und 400 Höhenmeter trennen mich noch von der Passhöhe. Auf eng gezogenen Serpentinen klettere ich nach oben. Ich lasse die Waldgrenze hinter mir. Vor mir breitet sich ein weitläufiges Hochplateau aus. Die Landschaft erinnert mich an meinen letzten Norwegen-Urlaub. Glatt geschliffene Felsen ragen aus den kargen Wiesen. Vom Pass bläst mir ein eisiger Wind entgegen. Dann: geschafft. Ein wunderbarer Moment. Ich streife meine Windjacke über und rolle auf demselben Weg zurück nach Thusis. Wer am San-Bernardino-Pass nicht umkehren will, der sollte gleich die ganze Rheinquell-Runde in Angriff nehmen.

Eckdaten zur Tour:

  • Länge: 93 Kilometer
  • Anstieg: 1550 Höhenmeter
  • Kondition: mittel
  • Landschaft: einmalig

Durch die Rheinschlucht und auf den Lukmanierpass

Der nächste Radtag beginnt mit einer Zugfahrt. Ich bin gestern noch nach Ilanz in der Surselva übersiedelt, in dessen Tal der Vorderrhein seinen Ursprung hat. Am frühen Morgen steige ich am Bahnhof Ilanz in die Rhätische Bahn nach Disentis ein.

Ein Grund, warum ich das Radfahren in der Schweiz so liebe, ist das gut ausgebaute Bahnnetz. Fast jede grössere Ortschaft ist mit dem Zug erreichbar und sollte beim Radeln ein Problem auftreten, ist der nächste Bahnhof nicht fern. Auch für Rundtouren bieten sich in der Schweiz die öffentlichen Verkehrsmittel an.

Rennrad-Route «Quellregion Rhein» (Foto: © Susi Kraft)

Von Disentis auf den Lukmanierpass

Mit einer Höhe von 1915 Metern ist der Lukmanierpass einer der niedrigsten und einfachsten Pässe über die Zentralalpen. Ohne viele Serpentinen bahnt sich die Strasse durch die Val Medel. In etwa eineinhalb Stunden gelangt man auf den höchsten Punkt. Der 20 km lange Anstieg von Disentis (1142 m ü. M.) ist eine angenehme Fahrradstrecke. Nur wenige Passagen sind richtig steil. Zwei Kilometer nach Disentis führen mehrere kurze Tunnel durch die Medelser Schlucht. Dann weitet sich das Tal und ich durchstreife die Dörfer Curaglia, Platta, Fuorns, Acla und Sogn Gions – allesamt typisch Schweizerisch und urig.

Rennrad-Route «Quellregion Rhein» (Foto: © Susi Kraft) Rennrad-Route «Quellregion Rhein» (Foto: © Susi Kraft)

Von der Passhöhe weht mir ein unbarmherziger Wind entgegen. Er ist so stark, dass ich kurz überlege, umzukehren. Aber die schöne Landschaft motiviert mich, weiter in die Pedale zu treten. Von den steilen Berghängen sprudeln frische Bächlein herab.

Finale am Sontga Maria Stausee

Eine steile Rampe und zwei Serpentinen muss ich mich bei starkem Gegenwind noch hinaufkämpfen, dann erreiche ich den Stausee Sontga Maria. Ich kann es nicht erwarten, den Böen den Rücken zuzukehren. Ich ziehe meine Windjacke über und stürze mich in die Abfahrt.

20 Minuten später bin ich wieder in Disentis. Man kann jetzt entweder noch den Oberalppass dranhängen, sich zurück nach Ilanz in den Zug setzen, oder das Tal hinausradeln. Ich entscheide mich für den Zug, weil ich am Nachmittag noch eine weitere Runde machen will.

Eckdaten zur Tour:

  • Länge: 40 Kilometer
  • Anstieg: 900 Höhenmeter
  • Kondition: einfach
  • Landschaft: tip top

Die Touren über den San Bernardino und den Lukmanierpass kannst du zur stattlichen Rennrad-Route «Quellregion Rhein» zusammensetzen.

Über Laax, Flims und Trin zur Rheinschlucht

Den Abschluss meines Radtrips in Graubünden begehe ich auf einem der schönsten Streckenabschnitte, die ich bisher mit dem Rennrad befahren habe. Zwischen Ilanz und Reichenau bahnt sich der Rhein durch das Gestein seinen Weg talauswärts.

Vor 10’000 Jahren donnerten dort beim Flimser Felssturz angeblich 100’000 Millionen Kubikmeter Gestein in die Tiefe. Sie begruben den Vorderrhein unter einer dicken Schuttmasse. Ein 25 km langer See staute sich auf. Mit der Zeit grub sich der Fluss einen Weg durch die Schuttmassen. Der See floss ab und die Rheinschlucht entstand.

Die Schlucht trägt zu Recht den Beinamen «Swiss Grand Canyon». Die bizarren Gesteinsformationen faszinieren Wanderer, Zugpassagiere, Rafter und Radfahrer aus der ganzen Welt.

Ich starte die Runde durch die Rheinschlucht in Ilanz. Sechs Kilometer zieht sich der erste Anstieg hinauf nach Laax. Ich brate in der Sonne und könnte mich Ohrfeigen dafür, dass ich am Brunnen in Ilanz meine Flasche nicht mehr aufgefüllt habe.

Zum Glück finde ich in Laax einen Supermarkt, der auch am Sonntag geöffnet hat. Cola und Eis geben mir den nötigen Zuckerschock für die Weiterfahrt nach Flims.

Rennrad-Route «Quellregion Rhein» (Foto: © Susi Kraft)

Abfahrt mit Topspeed-Potential

Zwischen Laax und Flims kann man die Beine lockern. Nach dem Ortsende von Flims beginnt die erste lange Abfahrt der Rheinschlucht-Runde. Ohne eine einzige Kurve zu ziehen fällt die Strasse in einer steilen Rampe vor mir ab. Ich muss nicht einmal in die Pedale treten, schon zeigt mein Tacho 55 km/h an. Die Landschaft rauscht an mir vorbei. In Tamins überquere ich den Rhein – der Vorderrhein und der Hinterrhein fliessen hier zusammen. Vereint für die nächsten 1300 Kilometer, bis sie in Rotterdam in die Nordsee fliessen. Für mich ist hier etwa die Hälfte der Tour geschafft. Und der schönste Teil beginnt erst!

Mit dem Rennrad durch die Rheinschlucht

14 Kilometer schlängelt sich der Rhein durch die Rheinschlucht. 14 Kilometer, auf denen ich meine Augen fast nicht auf der Strasse halten kann, weil sie die Schönheit dieser Landschaft so sehr anzieht. Bis zu 350 Meter ragen die weissen Steilwände der Rheinschlucht in die Höhe.

Tief unten im Tal schimmert der Vorderrhein türkisblau, umrahmt von dichten Nadelwäldern und weiss leuchtenden Felswänden. Ein Naturschauspiel, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.

Rheinschlucht (Foto: © Susi Kraft)

Hoch oben schlängelt sich die Strasse bis nach Ilanz. So schmal, dass keine zwei Autos nebeneinander Platz haben. Das ist meistens auch nicht nötig. Es ist wenig Verkehr und ich kann die letzten 20 Kilometer zurück zum Ausgangspunkt beim Landgasthof Glenner voll geniessen.

Eckdaten zur Tour:

  • Länge: 45 Kilometer
  • Anstieg: 900 Höhenmeter
  • Kondition: mittel
  • Landschaft: unvergleichlich

Unterkunftstipps und weitere Infos

Du willst ein paar Tage in der Gegend bleiben? Dann lege ich dir das Hotel Weiss Kreuz in Thusis und den Landgasthof zum Glenner bei Ilanz ans Herz. Beide Hotels bieten für Schweizer Verhältnisse ein super Preis-Leistungs-Verhältnis, überzeugen mit familiärem Charme, Herzlichkeit, guter Küche und modernen Zimmern.

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Susi Kraft
Susi Kraft

Susi Kraft ist Sportwissenschafterin aus Salzburg. Auf dem Blog berghasen.com bündelt sie ihre grossen Leidenschaften Radfahren, Natur und Schreiben.

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