Schneeschuhtour.

Durch den Tiefschnee über Pässe

Schneeschuhläufer auf der Via Silenzi (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)
Wenn die Wege unter dem Schnee verschwinden, endet normalerweise die Weitwandersaison. Dem muss nicht so sein. Mit Schneeschuhen an den Füssen ist das Vorwärtskommen zwar anstrengender als im Sommer, dafür sind die tiefverschneiten Landschaften umso eindrücklicher.

Von Thalia Wünsche

Nichts. Kein Weg. Kein Trampelpfad. Keine Spur. Wir stehen auf dem Plan d’Immez, eine Stunde zu Fuss hinter dem Weiler S-charl. Vor uns liegt eine unberührte Schneedecke. Durchbrochen wird sie nur von Arven und dem Bach, der stellenweise noch frei fliesst. Alleine müsste ich spätestens jetzt umdrehen. Zu gross wäre die Gefahr, sich in der weissen Pracht zu verirren oder noch schlimmer – eine Lawine auszulösen.

Plan d’Immez (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Zum Glück stehen wir aber zu viert hier. Und eine von uns, Chantal Lörtscher, ist Bergwanderleiterin und unsere Führerin für die nächsten zwei Tage. In ihrer Gesellschaft erfüllt mich dieser Anblick nicht mit Angst, sondern mit purer Freude: Wir werden gleich eine Landschaft durchqueren, die so vor uns noch kein Mensch betreten hat. Ein Privileg, das normalerweise Alpinisten vorbehalten bleibt.

2 statt 350 Pferdestärken

Abenteuerlich wurde unser Winterausflug aber nicht erst auf dem Plan d’Immez. Er begann bereits so; am Vortag bei der Anreise nach S-charl. Im Sommer würde man am Bahnhof Scuol-Tarasp ins Postauto steigen und Dreiviertelstunden später im Weiler am Rande des Schweizerischen Nationalparks ankommen. Im Winter braucht man für dieselbe Strecke dreimal so lang. Der Grund: Die Strasse ist für alles, was Räder hat und im Schnee stecken bleiben kann, gesperrt. Das einzige Transportmittel, das dann noch fährt, ist der Schlitten des Gasthauses Mayor; angetrieben mit 2 statt 350 Pferdestärken.

Pferdeschlitten des Gasthauses Mayor (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)
Dorf S-charl im Unterengadin (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Bei der Ankunft in S-charl erleben wir einen Vorgeschmack der Abgeschiedenheit, die wir in den nächsten Tagen erfahren werden. Von November bis Februar finden keine Sonnenstrahlen und nur wenige Gäste ihren Weg in den Ort mit 13 Häusern, zwei Gaststätten und einer Kirche. Und die Einzigen, die hier den ganzen Winter über ausharren, sind Anita und Dominique Mayor, die Inhaber der gleichnamigen Unterkunft. Sie sind heute Abend unsere Gastgeber und ich bin froh, kann ich in ihre warme Gaststätte fliehen. Trotz Schaffellen und Bettflaschen – nach zwei Stunden bei minus zehn Grad spüre ich die Kälte bis in die Knochen.

Gasthaus Mayor in S-charl (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Die einzigen Spuren sind von Tieren – und von uns

Es sind dann auch die Sorgen um die kalten Temperaturen, die mich am Abend nicht einschlafen lassen. Meine Angst vor Lawinen konnte mir unsere Wanderleiterin bei der Tourenvorbesprechung mit ihrem Fachwissen nehmen. Nach ihren Instruktionen – so funktionieren LVS, Schaufel und Sonde – und unter ihrer Leitung fühle ich mich sicher und dadurch bereit für mein erstes Schneeschuhabenteuer auf unmarkierten Pfaden.

Ab dem Plan d’Immez erleben wir das in schönster Form. Schritt für Schritt waten wir durch den Tiefschnee. Um uns ist alles weiss und weich. Die einzigen Spuren, die wir sehen, sind diejenigen von Tieren – vor allem von Hasen und Füchsen – und diejenigen, die wir selbst hinterlassen. Ausser uns, kein Mensch, weit und breit. Das wird sich bis kurz vor dem heutigen Tagesziel, das Bergdorf Lü in der Val Müstair, nicht ändern.

Schneeschuhläufer auf der Via Silenzi (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Ruhig, aber nicht still

Die Schwerstarbeit, das Spuren durch den Schnee, übernimmt unsere Bergwanderleiterin. An letzter Stelle der Vierergruppe fällt das Vorwärtskommen leicht und das gemächliche Tempo gibt mir Zeit, die Umgebung zu geniessen. Ruhig ist es hier, aber nicht still. Bei jedem Schritt ächzen und knirschen Millionen Eiskristalle unter unseren Schneeschuhen. An das Geräusch gewöhne ich mich nach einigen Stunden, sodass ich es fast nicht mehr wahrnehme. Gleichzeitig finden Beine und Arme, Schneeschuhe und Stöcke ihren Rhythmus und es kehrt auch in mir Ruhe ein. Ich kenne dieses Gefühl; vom Wandern im Sommer.

Alp Astras, Via Silenzi (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Mittagspause im Windschatten

An ihrem Ende öffnet sich die Val S-charl zu einem weiten fast flachen Hochtal, die Alp Astras. Hier finden wir im Windschatten des Alpgebäudes Schutz für unsere Mittagspause. Nichtsdestotrotz halten wir sie kurz. Wie kalt es ist – gemäss Wetterbericht zwischen minus zehn und minus fünf Grad – spüre ich erst jetzt, da ich mich nicht mehr bewege. Da hilft der warme Tee aus der Thermosflasche nur wenig. Die einzige Lösung: rasch weiterlaufen.

Der Schnee wird auf dem Weg zum Pass da Costainas, dem Übergang in die Val Müstair, tiefer und das Vorwärtskommen strenger. So werden die kalten Zehen und Finger schnell wieder warm und bleiben es auch bis zum Ende des Tages.

Mittagspause auf der Alp Astras (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)
Schneeschuhläufer auf der Via Silenzi (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Zurück in den Tiefschnee

Die zweite Tagesetappe unserer Schneeschuhtour beginnt dort, wo die erste aufgehört hat: in Lü. Die ersten Kilometer legen wir ohne Schneeschuhe auf dem planierten Winterwanderweg Richtung Ofenpass zurück. So machen wir rasch Strecke und Höhe. Das Erlebnis kann aber nicht mit demjenigen in der unberührten Winterlandschaft mithalten.

Lü im Unterengadin (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Als wir nach einer Stunde in den Tiefschnee abbiegen, schlägt mein Herz höher und schneller. Höher vor Freude und schneller vor Anstrengung. Heute gilt es mehr, insgesamt etwa 600, Höhenmeter zu bewältigen. Was ich im Sommer in die Kategorie «leichte Wanderung» einordnen würde, ist auf Schneeschuhen und im Tiefschnee eher eine mittlere Tagestour. Selbst wenn einem das Spuren an der Spitze erspart bleibt, erfordert das Vorwärtskommen doch mehr Kraft, Ausdauer und Gleichgewicht.

Schneeschuhläufer auf der Via Silenzi (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Wenn man den Schnee lesen kann

Nach dem ersten Aufstieg erreichen wir einen Kessel, gefüllt mit weissem, pulvrigem, perfektem Schnee und Sicht auf den Piz Vallatscha und den Piz d'Astras im Hintergrund. Auch hier werden wir als Erste Spuren hinterlassen. Bevor wir das tun, muss ich innehalten: Nicht weil ich ausser Atem bin – oder nur ein bisschen –, sondern um die Szenerie zu bewundern. Heute scheint die Sonne stärker als gestern und die Strukturen, die der Wind in den Schnee gezeichnet hat, werden sichtbar.

Während ich nur Augen für das Licht- und Schattenspiel habe, sieht unsere Bergwanderleiterin noch mehr, wenn sie die Landschaft studiert: Nämlich wie stabil oder eben instabil die Schneedecke ist, auf der wir uns bewegen. Damit auch wir nicht vollständig blind unterwegs sind, gibt es in der nächsten Pause einen Crashkurs in Sachen Lawinen. Chantal erklärt uns ihre Überlegungen hinter ihrer Entscheidung, wie wir den Kessel durchschreiten werden – entlang einer Flanke – und wieso wir gewisse Passagen einzeln begehen müssen. Ich merke: Schnee ist nicht gleich Schnee und kann man ihn lesen, erfährt man von ihm alles, was man für die Planung seiner Route wissen muss.

Via Silenzi, Untergadin (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)
Karte (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Alltag, du kannst noch warten

Kurze Zeit später erreichen wir die Fuorcla Funtana da S-charl, den Scheitelpunkt der heutigen Tour. Ab hier geht es durch das kleine Skigebiet Minschuns Richtung unseres Ziels, der Ofenpass. Die Kilometer und Höhenmeter schmelzen nur so dahin, während wir abwärts durch den Pulverschnee joggen.

Aussicht in die Val Müstair (© Thalia Wünsche, Graubünden Ferien)

Wenige Minuten nachdem sich die Sonne hinter die Berggipfel verabschiedet hat, erreichen wir die Passhöhe und damit das Ende der «Via Silenzi». Theoretisch könnten wir jetzt ins Postauto steigen und heimreisen. Tun wir aber nicht. Stattdessen checken wir ins Passhotel Süsom-Givè ein und schieben die Rückkehr in den Alltag noch eine Nacht auf.

Thalia Wünsche

Autorin.

Thalia Wünsche

Thalia liebt es, unbekannte Bündner Täler zu entdecken. Auf ihrem Blog berichtet sie über ihre Abenteuer in der Region und auf der ganzen Welt.