Abenteuer mit Steigeisen.

Gletschertrekking

Aufstieg in Richtung Crap Pers auf dem Persgletscher (Foto: © Thalia Wünsche) Aufstieg in Richtung Crap Pers auf dem Persgletscher (Foto: © Thalia Wünsche)
Auf der Suche nach einer Herausforderung wagte ich mich das erste Mal aufs ewige Eis. Was ich beim Gletschertrekking auf der Diavolezza fand, war eine der eindrücklichsten Landschaften, die ich je gesehen habe. Zudem lernte ich, dass wandern mit Steigeisen nicht viel schwieriger ist als ohne, einem auf 3000 m ü. M. aber schneller die Luft ausgeht.

Von Thalia Wünsche

Ich mag Herausforderungen. Als jemand gesucht wurde, der sich für ein Trekking auf den Gletscher wagt und darüber schreibt, habe ich mich sofort gemeldet.

Jetzt stehe ich auf der Diavolezza in der kühlen Morgenluft, warte auf meinen Bergführer und fühle mich etwas weniger mutig als damals, als ich diesen Entscheid traf. Um das Berninamassiv ziehen Wolken auf – und in mir Zweifel. Bin ich fit genug, um die Höhenmeter – es sind rund 400 – zu schaffen und klappt das mit den Steigeisen, die ich heute zum ersten Mal tragen werde? Ich erinnere mich an den Satz, der auf der Website der Bergsteigerschule Pontresina stand: Man brauche keine Steigeisen-Erfahrung, sondern nur eine gute Grundkondition. Doch, das sollte ich packen.

Zustieg zum Persgletscher (Foto: © Thalia Wünsche) Zustieg zum Persgletscher (Foto: © Thalia Wünsche)

Zum Glück ist Hans, der Bergführer, pünktlich und mir bleibt keine Zeit, mir weitere Gedanken zu machen. Unter seiner Anleitung passen wir die Steigeisen an, um sie sogleich im Rucksack zu verstauen. Bevor sie an die Füsse und wir ans Seil kommen, müssen wir erst auf normalen Wanderwegen den Piz Trovat umrunden.

Die Teilnehmenden geniessen die Aussicht auf den Persgletscher (Foto: © Thalia Wünsche)

Erste Schritte auf dem Eis

Als wir das Eis erreichen, lichten sich die Wolken und geben den Blick auf die Berge, die über dem Persgletscher thronen, teilweise frei. Der bekannteste ist der Piz Palü. Mit 3899 m ü. M. schafft er es in die Top Ten der höchsten Gipfel Graubündens. Bei dieser Aussicht meldet sich meine Vorfreude zurück und ich kann es nicht erwarten, den Gletscher endlich zu betreten.

Die Steigeisen werden montiert (Foto: © Thalia Wünsche)
Hans knüpft uns ins Seil (Foto: © Thalia Wünsche)

Wir montieren unsere Steigeisen und Hans knüpft uns ins Seil ein. Wieso das nötig ist, werden wir in rund einer Stunde verstehen, wenn wir die Gletscherspalten der Cambrena-Brüche passieren. Die nächsten 30 Minuten geht es erstmal mehr oder weniger gerade aus. Das gibt uns Zeit, uns an die Metallkrallen an unseren Füssen zu gewöhnen und in den Rhythmus unserer Seilschaft zu finden.

Kurz Pause machen und dann wieder aufholen, geht jetzt, da wir zusammen an einem Seil gehen, nicht mehr. Muss einer die Bändel der Steigeisen richten oder will jemand ein Foto machen, müssen alle anhalten. Da niemand der Spielverderber sein will, bewegen wir uns mit nur wenigen Unterbrüchen in einem ruhigen, konstanten Tempo vorwärts. Gemäss Hans optimal, um Kräfte zu sparen.

Aufstieg auf dem Persgletscher (Foto: © Thalia Wünsche)

Und die brauchen wir schon bald. Nachdem wir einen Teil des Persgletschers passiert haben, beginnt der Aufstieg. Und der hat es in sich. Einerseits weil ich es nicht gewohnt bin, auf Schnee und Eis zu gehen. Andererseits weil ich die Höhe spüre: Auf rund 3000 m ü. M. bin ich schnell ausser Atem.

Fels und Eis soweit das Auge reicht

Die Landschaft besteht hier oben am Fuss des Berninamassiv aus zwei Elementen: Fels und Eis. Sie ist rauer, ursprünglicher und bedrohlicher, als ich mir das von markierten Wanderwegen gewohnt bin. Alleine wäre sie für mich unzugänglich. Deshalb sind wir mit Hans unterwegs. Seit 40 Jahren Bergführer, bringt ihn nichts aus der Ruhe. Mit seiner stoischen Gelassenheit gibt er uns Neulingen die nötige Sicherheit, so dass der erste Ausflug aufs Eis keine Mutprobe, sondern ein Genuss ist. Wenn auch ein anstrengender.

Einmalige Aussicht vom Crap Pers (Foto: © Thalia Wünsche) Einmalige Aussicht vom Crap Pers (Foto: © Thalia Wünsche)

Rast im Schatten des Piz Palü

Den Crap Pers, eine Felsnase im Gletscherfeld und unser Ziel, erreichen wir nach rund drei Stunden. Die meisten Wolken haben sich gemeinsam mit meinen letzten Zweifeln im Verlauf des finalen Aufstiegs verzogen. Nach unten sehen wir von unserem Startpunkt, die Bergstation auf der Diavolezza, bis nach Samedan. Nach oben bestaunen wir die höchsten Gipfel Graubündens. Direkt über uns der Piz Palü und weiter rechts Graubündens einziger Viertausender, der Piz Bernina.

Aussicht auf die Diavolezza vom Crap Pers (Foto: © Thalia Wünsche)

Zurück zur Diavolezza, zurück ins Tal

Für den Rückweg folgen wir den Spuren unseres Aufstiegs. Jetzt, da die Kondition weniger gefordert und das Gehen mit Steigeisen zur Selbstverständlichkeit geworden ist, gilt die Aufmerksamkeit dem Gletscher. Besonders eindrücklich, sind seine Spalten. Wie tief sie sind? Keine Ahnung. Schaut man nach unten, sieht man kein Ende. Nur weisse, graue und blaue geschwungene Formen an den Wänden. Das Eis sei die ganze Zeit im Fluss, erklärt Hans, und es entstünden immer wieder neue Gletscherspalten. Was bedeutet, dass er immer wieder neue Wege übers Eis suchen muss.

Beim Abstieg von dem Crap Pers (Foto: © Thalia Wünsche)

Rund zwei Stunden später, gegen 14.00 Uhr, erreichen wir den Ausgangspunkt der Tour, die Bergstation der Diavolezza. Wir wollen das Ende unseres Gletscherabenteuers und die Fahrt ins Tal noch etwas hinauszögern und entscheiden uns für eine Kaffeepause im Berghaus. Während wir auf die Getränke warten, sagt Hans: «Dich könnte ich auch auf den Piz Palü mitnehmen.»

In dem Moment weiss ich, welcher Herausforderung ich mich nächsten Sommer stellen werde.

Unser Tipp: Im Berghaus Diavolezza übernachten

Das Berghaus Diavolezza (Foto: © Thalia Wünsche)

Das Gletschertrekking auf den Crap Pers verbindet man am besten mit einer Nacht im Berghaus DiavolezzaDas hat drei Gründe:

Erstens. Am Vortag kann man mit dem Klettersteig auf den Piz Trovat (ca. 3 h) oder der kurzen Wanderung zum Aussichtpunkt Munt Pers (ca. 2,5 h hin und zurück) ins Bergabenteuer starten. Die gemütliche Alternative: Man geniesst im Jacuzzi des Berghauses die Aussicht auf das Berninamassiv.

Zweitens. Die Diavolezza liegt auf 2978, der Crap Pers auf 3142 m ü. M. Je früher man anreist, desto besser kann sich der Körper an die Höhe gewöhnen.

Drittens. Wer auf der Diavolezza übernachtet, muss am Morgen des Trekkings nicht in aller Herrgottsfrühe aufstehen. Los geht’s um 8.30 Uhr bei der Bergstation der Seilbahn.

Zimmer im Berghaus Diavolezza (Foto: © Thalia Wünsche)
Tolle Aussicht auf den Gletscher vom Jacuzzi beim Berghaus Diavolezza (Foto: © Thalia Wünsche)
Der Bergführer Hans Gantenbein (Foto: © Thalia Wünsche)

Unser Bergführer: Hans Gantenbein

Auf den Crap Pers und zurück führte uns Hans Gantenbein von der Bergsteigerschule Pontresina. Aufgewachsen im Avers, lebt er seit 50 Jahren im Engadin und ist fast täglich mit Gästen in den Bergen unterwegs. Auf dem Piz Bernina, dem einzigen Viertausender in Graubünden, stand er schon über 40 Mal. Das Gletschertrekking, welches er mit uns unternahm, nennt er «aktive Erholung».

Gletschertrekking Crap Pers

  • Dauer: ca. 6 Stunden
  • Höhenmeter: 400 m
  • Anforderungen: Ausdauer für 6 Stunden Wanderung. Keine Steigeisenerfahrung notwendig. Die Tour eignet sich als Einstieg für leichte Hochtouren.
  • Material: Klettergurt und Steigeisen kann man beim Parntershop Go Vertical in Pontresina ausleihen.
  • Durchführung: Dienstag, Donnerstag und Samstag von Juni bis Oktober
  • Kosten: CHF 175 (in der Gruppe ab 4 Personen)

Mehr Informationen

 

Die Bergsteigerschule Pontresina bietet auch Gletscherwanderungen ohne Steigeisen an:

Thalia Wünsche

Autorin.

Thalia Wünsche

Thalia ist Wahlbündnerin und bringt seit 2016 für Graubünden Ferien Journalist*innen und Blogger*innen an die schönsten Orte der Region. Wenn sie nicht hinter dem Schreibtisch sitzt, ist sie am liebsten in der Natur unterwegs; entweder mit ihrem Hund oder ihrer Kamera.

Abenteuer Alpen.

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