Brauchtum.

Chalandamarz

Brauchtum Chalandamarz in Graubünden
Wenn die Menschen in vielen Dörfern von Graubünden genug vom Winter haben, holen die Buben Kuhglocken und Geissenschellen aus dem Stall. Wie schon ihre Urahnen in der Antike ziehen sie am 1. März von Haus zu Haus, um mit Glockengeläut und Peitschenknallen dem Winter den Garaus zu machen.
Kinder am Chalandamarz in Graubünden

«Immer die Grossen sind die Chefs», werden sich wohl diese in warme Wollmützen verpackten Dreikäsehochs denken. Trotzdem schauen die Meisten von ihnen voller Ehrfurcht auf den Dirigenten, der auf dem Dorfplatz von Scuol den Ton angibt. Er bringt dem kleineren Nachwuchs aus der «Scolina», dem Kindergarten, jene traditionellen Lieder bei, die am Chalandamarz gesungen werden – und welche die heute zum Zuschauen verurteilten Buben dereinst voller Inbrunst selber am traditionellen Kinderfest vortragen werden.

 

Chalandamarz in Guarda

Wenn die Buben mit lautem Getöse durch die Dörfer streifen, gibt es in jedem Haushalt einen Batzen für die Schulreisekasse. Wenn sie Glück haben, dürfen sie bei der Barbla in der Stube Platz nehmen und sich an «chastognas cun latmilch» – an Kastanien mit Schlagrahm – satt essen. Wetten, dass danach die Klänge der schweren Glocken noch viel lauter durch die Gassen klingen?

 

Junge mit Peische am Chalandamarz in Graubünden

Der Chalandamarz ist weitgehend ein Fest für die männlichen Jugendlichen. Die Mädchen tragen aber dazu bei, indem sie für die Akteure schon am Abend vor dem Ereignis bunte Papierblumen falten, welche die Glocken der Buben schmücken. Nebst Glockenklängen erfüllt das Knallen von Peitschen den Chalandamarz. «Hirten» werden die Peitschen schwingenden Halbwüchsigen genannt. Steivan zeigt hier sein Können und will damit wohl bei seiner Angebetenen Ladina Eindruck erwecken.

 

Junge mit Glocke am Chalandamarz in Graubünden

Über der rechten Schulter des einsamen Glöckners hängt der reich verzierte Riemen einer grossen Kuhglocke, einer «Plumpa», wie diese grossen, aus Stahlblech geformten Treicheln im Volksmund Graubündens heissen. So ein Kuh-Schmuck kann bis zu sechs Kilogramm wiegen. Wer vom vielen Schwingen der Plumpa müde geworden ist, darf sich ruhig eine kleine Erholungspause auf dem Bänkli leisten. Auch Sie, sollten Sie mal in diese Gegend kommen. Das ist dort ebenfalls Tradition.

 

Das berühmte Schellen-Ursli Buch von Selina Chönz und Alois Carigiet

Die Geschichte vom Schellen-Ursli handelt von Uorsin – rätoromanisch für Ursli – dem nur ein kleines Glöcklein übrigbleibt, um am Chalandamarz teilzunehmen. Deswegen wird er von der übrigen Dorfjugend gehänselt. Doch er erinnert sich an die grosse Treichel, die in Vaters Berghütte hängt. Dorthin macht er sich auf den gefährlichen Weg durch den Schnee. Und bleibt über Nacht verschollen. Doch am Morgen kreuzt Ursli wieder auf und darf am Kinderfest mitstolzieren. «Nun ist der Glockenumzug da, und wer geht vorne dran? Hurra! Der kleine Ursli, bim, bam, bum, der hat die grösste Glocke um!»