Graubünden Ferien Schweiz

Durch das Land der Walser

Weitwandern auf dem Prättigauer Höhenweg

Drusenfluh, Prättigau

Die Leidenschaft zum (Weit)wandern entdeckten wir auf unserer zehnmonatigen Weltreise. Und damit auch die Liebe zu den Bergen. Die Weltreise liegt nun schon einige Zeit zurück, die Liebe zum Wandern aber ist geblieben. Und somit zieht es uns immer wieder in die raue Schönheit der Schweizer Bergwelten. Der Duft der Alpwiesen, die Stille, das gute Essen und die vielfältige Kultur begeistern uns immer wieder aufs Neue.

Von Carolin Steig & Martin Merten

Die letzte Wanderung führte uns 67 km über den Prättigauer Höhenweg von Klosters bis nach Malans, ins Heidiland. Der Weg und die Landschaft sind in diesen vier Tagen so vielfältig und abwechslungsreich, dass es einem teilweise den Atem verschlägt.

Tag 1: Von Klosters zum Bergaus Sulzfluh

Wir starten am ersten Tag von Klosters aus ganz gemütlich und gut gestärkt vom schönen Hotel Wynegg und fahren mit der Madrisa-Bahn hinauf zur Madrisa-Alp. Man kann auch direkt von Klosters aus starten, was aber mindestens zwei Stunden mehr auf der ca. 5 ½ stündigen Etappe bedeuten.

Oben angekommen starten wir voller Euphorie unsere Wanderung. Der Weg ist mit der grünen 72 beschildert und so sparen wir uns den Blick auf die Wander-App. Der Himmel ist bedeckt, was unserer Freude keinen Abbruch tut.

Direkt hinter der Alphütte befindet sich ein kleiner Hof mit einem Selbstbedienungsladen. Wenn wir nicht auf jedes Kilogramm im Rucksack achten müssten, würden wir uns sofort mit leckerem Käse eindecken.

Der Weg führt uns am hochalpinen Kräutergarten, der dem Wanderer anschaulich die Welt der Bergkräuter näherbringt, und an einem Abstecher zum Wasserfall-Pfad vorbei. Nach ca. 1 ½ Stunden durch kleine Waldstücke und steile Alpwiesen türmt sich vor uns plötzlich eine mächtige Felswand (Gross Tärzanella) auf. Wir fühlen uns ans Amphitheater in die Drakensberge nach Südafrika zurückversetzt.

Wir nutzen diesen imposanten Ausblick für eine Pause auf einem der grossen Findlinge. Einige Regentropfen fallen vom bleigrauen Himmel, wir stören uns nicht weiter daran.

Langsam beginnt der Weg anzusteigen, wir erreichen eine kleine Ansammlung von Häuschen und entdecken ein Schild «Kiosk»! Und tatsächlich – unter dem Dachvorsprung eines der Holzhäuschen stehen liebevoll ein paar Getränke und sogar Postkarten kann man hier kaufen. Das Geld für die Produkte wird einfach in die dafür vorgesehene Kasse gesteckt.

Einige Meter weiter schliessen wir Freundschaft mit einer verschmusten Jungkuh – sie bekommt von unseren Streicheleinheiten gar nicht genug.

Vor uns liegt nun ein letzter, steiler Aufstieg für diesen Tag: über grosse Alpwiesen geht es hinauf auf einen Bergkamm zwischen Jägglisch Horn und Saaser Calanda. Oben angekommen erstreckt sich vor uns ein unglaubliches Bergpanorama mit Blick hinüber zum Rätschenfluh. Hier lohnt sich unbedingt eine Pause oder ein kleiner Abstecher zu einem der Aussichtspunkte. Wir sitzen einfach schweigend da und sind überwältigt von diesem Anblick.

Nun schlängelt sich der Weg nur noch bergab bis St. Antönien. Irgendwann gelangen wir auf einen Fahrweg und in einer der Kurven stehen sauber aufgereiht einige Trottinette (wir Deutschen sagen «Tretroller»). Was für eine geniale Idee – um den doch recht langen Weg abzukürzen, kann man hier für 16 CHF Trottinette und Helme mieten und sich wagemutig ins Tal stürzen! Eine Telefonnummer zur Anmeldung hängt aus. Wir laufen allerdings weiter und werden schliesslich von Ernst Flütsch, dem Betreiber des Berghaus Sulzfluh, mit dem Wagen eingesammelt.

In St. Antönien zeigt er uns noch das Scherenschnitt-Atelier in der ehemaligen Poststelle. Das muss man gesehen haben! Wir hatten unsere Scherenschnitte aus der Schule vor Augen, was aber hier von Monika Flütsch in liebevoller Handarbeit hergestellt und weltweit ausgestellt wird, hat damit wenig zu tun. Das muss man mit eigenen Augen gesehen haben!

Ausserdem zeigt uns Ernst noch eine ausgefallene Art zu übernachten – das sogenannte ZEITBETT. Man kann die Unterkunft auf Airbnb buchen und quasi draussen schlafen, direkt unter den Sternen. Damit man nicht nass wird, sind die Betten überdacht.

Im urigen Berghaus Sulzfluh lassen wir den Abend gemütlich mit anderen Wanderern ausklingen. Man hat hier auch die Möglichkeit im Outdoor Hot Pot seine Muskeln zu entspannen.

Tag 2: Vom Berghaus Sulzfluh über den Partnunsee zur Carschinahütte

Der heutige Tag ist mit 2 ½ bis 3 Stunden, dem direkten Weg zu unserem Ziel der Carschinahütte, recht entspannt. So entschliessen wir uns, einen Abstecher zum wunderschönen Partnunsee zu machen. Vor Ort mieten wir uns für 2 CHF ein Ruderboot und geniessen die Stille und die uns umgebende Bergwelt.

Da wir erst spät los sind und unsere Mägen bereits wieder knurren, essen wir auch gleich unser Picknick. Wir wandern dann hinter dem Partnunsee ein Stück weiter, bevor wir links einen steilen Pfad hinauflaufen. Das Panorama hier ist schon wieder ein völlig anderes als noch am Tag zuvor. Langsam schiebt sich die Sonne hinter der Wolkendecke hervor, es verspricht noch ein schöner Tag zu werden.

Schliesslich trifft unser kleiner Abstecher wieder auf den Prättigauer Höhenweg. Wir wandern gemütlich weiter durch schöne Alpwiesen mit zahlreichen Murmeltieren und immer wieder durch riesige, alte Felssturz-Regionen. Hinter uns breitet sich ein unglaubliches Panorama aus, das uns immer wieder zum Anhalten bewegt.

Und dann sehen wir plötzlich die Carschinahütte auf einem Bergkegel vor uns liegen, hinter ihr türmt sich der unglaubliche Drusenfluh auf, ein Berg der fast wie ein riesiger Zahn in den Himmel ragt.

Es ist erst 14 Uhr als wir die Hütte erreichen und so können wir auf der schönen Terrasse die Sonne geniessen und es uns bei einem leckeren, frisch gebackenen Schokokuchen so richtig gut gehen lassen.

Die Carschinahütte liegt auf 2236 Metern direkt am Fusse des Sulzfluh und bietet Platz für 85 Wanderer. Bei den Zimmern handelt es sich um Massenlager mit maximal 9er-Zimmern.

Tag 3: Von der Carschinahütte zur Schesaplanahütte

Der heutige Tag wird mit 5 ½ bis 6 Stunden wieder länger, gehört für uns aber mit zur schönsten Etappe der Wanderung. Der Weg führt zunächst bequem auf gleicher Höhe an steil aufragenden Bergen wie den Drei Türmen und dem Drusenfluh entlang und bietet tolle Blicke über das Prättigau.

Dann führt er sogar sanft bergab, am Schweizer Tor vorbei wo man mit etwas Glück Kletterer an den Steilhängen entdecken kann. Schon hier ist die Kulisse einfach atemberaubend.

Nun heisst es aber aufsteigen – der Pfad schlängelt sich eine anstrengende Steigung hinauf. Es lohnt sich immer mal wieder stehen zu bleiben und einen Blick zurück zu werfen. Oben am Kamm angekommen, bieten sich nicht so viele Optionen zum Rast machen, die Aussicht lädt aber dazu ein. In der nassen Wiese finden wir dann doch noch zwei Steine, auf denen wir uns niederlassen können. Wir lassen die Sonne in unsere Gesichter scheinen und geniessen die fantastische Aussicht.

Nach der kleinen Pause geht es wieder auf gleicher Höhe weiter, teilweise durch lockere Geröllfelder. Als wir aus dem Schutz der Steilwände herauskommen, packt uns ein kräftiger Wind, der aus dem Tal durch das Gafalljoch zwischen den Bergen prescht. Rechts von uns, auf der österreichischen Seite, liegt türkisblau glitzernd der Lünersee in der Senke. Links von uns erstrecken sich Alpen bis ins Tal und hinter uns liegt die schroffe Bergwelt.

Das Wetter ist kaiserlich und so beschliessen wir auf einer der Wiesen erneut Rast zu machen und die Landschaft zu geniessen. Die Kühe ringsum sind ganz scharf auf unsere Rucksäcke und so haben wir plötzlich die ganze Herde um uns versammelt. Einige lassen sich gerne kraulen. Als wir weitergehen, stehen sie noch lange da und blicken uns hinterher.

Der Weg führt nun weiter bergab über Wiesen mit Bächlein und dem Geläut der Kuhglocken. Gegen 15 Uhr erreichen wir die Schesaplanahütte, wo wir ein hübsches Doppelzimmer zugeteilt bekommen. Wir geniessen die Nachmittagssonne auf der Terrasse – das Wetter soll zum Abend umschlagen und eine Kaltfront kommen. Morgen wird es mit dem schönen Wetter wohl vorbei sein.

Wir können unbedingt die selbstgemachten Kuchen empfehlen! Das Abendessen bestand aus einer leckeren Gemüsecremesuppe, Gemüselasagne und leckerem Pflaumenkompott mit Quark. Alles selbst gemacht und extrem lecker!

Die Schesaplanahütte liegt auf 1908 Meter und beherbergt 66 Wanderer. Doppelzimmer gibt es 6 Stück.

Tag 4: Von der Schesaplanahütte nach Malans

Als wir aufwachen, sehen wir von unseren Fenstern aus nichts als eine graue Wand. Die komplette Landschaft hat sich in Nebel gehüllt. Die Schweizer Fahne auf der Terrasse hängt einfach nur nass herunter.

Wir hoffen, dass sich der Nebel nach dem Frühstück wenigstens etwas lichtet, ansonsten können wir ohne Sicht nicht los. Als wir alles gepackt haben und fertig zum Abmarsch sind, sieht es tatsächlich etwas besser aus und so laufen wir in Regenmontur los.

Von der Landschaft, die hier auch einfach traumhaft sein muss, sehen wir an diesem Tag leider kaum etwas. Der Weg schlängelt sich, nach kurzer Zeit auf einem Fahrweg, durch Alpwiesen und kleine Wäldchen. Hin und wieder lichtet sich der Nebel etwas und einzelne Wolkenfetzen verleihen der Landschaft eine mystische Stimmung. Dieser Moment hält teilweise nur Sekunden an und schon schliesst sich um uns herum wieder eine feuchte, graue Wand.

So ist unser Blick heute fest auf den Weg gerichtet und so sehen wir zum Glück immer rechtzeitig die grossen, schwarzen Alpensalamander. Sie geniessen dieses feuchte Wetter und sitzen mitten auf den Pfaden.

Heute stehen uns vier steile Anstiege über klitschnasse Wiesen bevor – zum Glück haben wir gute Regenhosen dabei. Der Weg zieht sich, weil wir rings um uns nichts sehen und uns nicht an den Aussichten erfreuen können. Der Pfad führt teils an Steilhängen vorbei und man muss gut auf seine Schritte achten, um nicht abzurutschen.

Immerhin – gegen Mittag lichtet sich der Nebel etwas, die Wolken beginnen höher zu steigen. Hin und wieder erhaschen wir einen Blick ins Tal oder auf Berggipfel. Wir verlassen schliesslich den Prättigauer Höhenweg und folgen der Beschilderung zur «Älplibahn».

Besonderes Erlebnis entlang des Weges: Wir durchqueren einen pechschwarzen Tunnel. Wir haben schon ein mulmiges Gefühl, als wir auf diesen dunklen Eingang zu gehen.

Obwohl der Tag heute mit 6 Stunden nicht viel länger war als der Tag zuvor, sind wir froh als wir endlich die Älplibahn erreichen. Die Etappe müssen wir dann bei gutem Wetter noch einmal wiederholen.

Im Restaurant der Älplibahn sind wir auf Grund des Wetters die einzigen Gäste und die Wirtsleute freuen sich, uns zu sehen. Bei Cappuccino und einem leckeren Nusshörnchen lassen wir die letzten Tage Revue passieren bevor wir uns mit der Älplibahn auf eine rasante Fahrt hinunter in die Bündner Herrschaft nach Malans begeben.

Nach der Wanderung: Entspannung pur in der Tamina Therme

Nach so einer anstrengenden Wanderung gibt es nichts Besseres, als seinen Körper zu verwöhnen. Am besten mit gutem Essen und Wellness. Kulinarisch haben wir uns hervorragend im Restaurant Weiss Kreuz in Malans verwöhnen lassen.

Und damit auch die Füsse, Beine und Schultern entspannen können, gönnen wir uns noch einen Entspannungstag in der Tamina Therme in Bad Ragaz.

Die Therme ist architektonisch ein echter Hingucker und lässt das Designer-Herz höherschlagen. Aber auch von Innen hat sie einiges zu bieten. Neben einem Wellness- und Massage-Bereich gibt es eine grosse Thermalbad- und Saunalandschaft. Ein halber Tag hat uns schon gereicht und wir waren danach tiefenentspannt– einfach herrlich.

Fazit

Der Prättigauer Höhenweg ist landschaftlich unglaublich abwechslungsreich – er bietet von sanften Pfaden über liebliche Alpwiesen über steile Anstiege in schroffer Bergkulisse bis hin zu glitzernden Bergseen in vier Tagen eine Hülle an Eindrücken. Die steilen Anstiege haben uns manchmal aus der Puste gebracht. Aber die atemberaubenden Bergkulissen und die netten Gastgeber der Berghütten haben dafür mehr als entschädigt. Wir können nur empfehlen, den Prättigauer Höhenweg einmal zu wandern. Es lohnt sich sowohl am Stück oder auch als einzelne Etappen.

Carolin Steig & Martin Merten
Carolin Steig & Martin Merten

Caro und Martin, zwei deutsche Reiseblogger, entdeckten ihre Leidenschaft fürs Wandern auf ihrer 10-monatigen Reise um die Welt. Seitdem sind sie so oft wie möglich zu Fuss unterwegs, egal ob in Kirgistan, Nepal oder der Schweiz.

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